LEBENDIG

Von Agra nach Lumbini – Escaping India: Odysee in 33 Stunden

33 Stunden – Agra – Delhi -Gorakhpur – Sonauli – Lumbini

Unser Marathon startet Freitag morgens um 11 Uhr in Agra (nach indischem Frühstück im Rival-Restaurant). Mit Naim hatte ich telefonisch vereinbart, dass er uns einen Fahrer vorbeischickt. Es ist aber gleich die halbe Familie aufgetaucht: ein Mann namens “Ramu Unckle”, sein Neffe und der Fahrer selbst. Ramu sei nach eigenen Angaben der beste und längste Freund von Naim und es sei ihm eine Ehre, uns kennenzulernen. Er nimmt auch die 3000 Rupien entgegen. Unser Fahrer wirkt sehr nett. Wir laden unseren Kram ein und fahren los. Von Ramu erhalte ich noch mehrmals SMS, ob alles gut sei, wie es uns gehe und dass es ihm Leid tut, dass es keine Zeit gegeben habe, um ins auf einen Tee oder Kaffee einzuladen. So nett – und trotzdem sind wir froh, “on the road” zu sein. In nur knapp drei Stunden sind wir in Delhi in Paharganj angekommen.

Agra_Delhi

Ankunft in Delhi – unser Fahrer möchte ein Selfie mit uns

 

Café-Insel bei den BloomRooms

Nahe der New Delhi Railway Station befindet sich ein Café, das uns einladend erscheint. Obwohl wir wissen,was uns erwartet, überrollt Paharganj uns erneut. Zu viel von allem. Menschen, Eindrücke, Dreck, Leid und das Gefühl der Unsicherheit. Mit anhaltender Wachsamkeit manövrieren wir uns zu den BloomRooms – einer modernen Hotelkette, v.a. für die jüngere Generation. Beim Betreten des angeschlossenen Cafés fühle ich mich wie in ein Dimensionsloch gezogen. Mit dem Zufallen der Tür hinter mir scheint sich das Delhi draußen in Luft aufzulösen. Als sei alles nur ein Traum gewesen. Und zwar keiner von der guten Sorte. Hier ist alles sauber, ordentlich, gepflegt, klimatisiert, teuer und natürlich gibt es kostenloses WLAN. Der Kontrast spiegelt die zunehmende Schneise zwischen Arm und Reich in Indien wider, von der uns auch Naim schon erzählt hat. Von 14-18:30 Uhr bleiben wir hier – dann gehts ein letztes Mal durch die Straßen von Paharganj – dann zum Bahnhof.

Leaving Delhi – Die New Delhi Railway Station

Die New Delhi Railway Station kann von der Paharganj-Seite leicht durch den Haupteingang betreten werden. Nach einem relativ oberflächlichen Security-Check des Gepäcks und der eigenen Person steht man auf der Platform 1. Durch Treppen gelangt man zur Überführung und so zu den anderen Gleisen. Auf dem Zugticket gibt es keine Angabe zum Gleis, aber dort befindet sich die Zugnummer. Im Bereich des Haupteingangs findet man auf einer großen Anzeigetafel zur Zugnummer das entsprechende Abfahrtsgleis ausgewiesen und findet so seine Platform. Je nach Buchung gilt es dann noch am Bahnsteig den richtigen Einstiegs-Abschnitt zu finden. Auf kleinen rechteckigen Anzeigetafeln findet man dann den Hinweis auf den richtigen Wagen (z.B. GS für General Seat oder AC2 für “Air Condition, 2. Klasse”). Hier ist unglaublich viel los. Zum Glück hält es sich auf unserem Gleis in Grenzen.

NDLRS

Wartende Fahrgäste – New Delhi Railway Station

 

Unterwegs mit dem Zug in Indien

Unser Zug fährt schon mit leichter Verspätung ein. Auf meinem unteren Sitz sitzt schon eine etwas ältere indische Dame, die kein Wort Englisch spricht. Wir verständigen uns darauf, dass ich das obere Bett nehmen werde und sie unten bei ihrer (ebenfalls schon etwas in die Jahre gekommenen) Freundin schlafen kann. Trotzdem klopfen die Frauen auf die unteren Sitze und bedeuten uns, uns zu setzen. Kurz darauf kommt ein etwas älterer Inder (offenbar der Ehemann einer der beiden) und erzählt uns auf indisch irgendwas bestimmt sehr spannendes. Es erweckt den Eindruck, als wolle er, dass wir uns nach oben verdrücken. Nachdem wir das getan haben, packen er und seine Frau etwas zu essen aus und langen unter kräftigem Rülpsen und Schmatzen ordentlich zu.

Indische Frauen

Unsere beiden Mitreisenden

 

Danach wird relativ schnell das Licht gelöscht und der Vorhang zugezogen. Der ältere Mann ist auf einmal verschwunden. Geleen und ich liegen gegenüber voneinander in der oberen Etage auf zwei mit Stahlketten an der Decke befestigten Holzpritschen. Zum Schlafen gibt es ein kleines Kissen, zwei (mehr oder weniger) weiße Laken und eine Wolldecke.Obwohl der erste Teil der Nacht noch etwas unruhig verläuft, schaffe ich es irgendwann mit Oropax einzuschlafen. Mehrmals bleibt der Zug nachts stehen und wartet auf entgegenkommende Züge oder weiß der Geier was.

 

Matratzenhorchdienst bei 4 Stunden Verspätung

Morgens als ich aufwache liegt der alte Mann mir gegenüber eine Etage tiefer unter Geleen´s Bett, die noch schläft und übrigens die ganze Nacht fabelhaft durchgeschlafen hat. Es gibt Menschen, die wirklich überall und bei jedem Geräuschpegel schlafen können – bewundernswert. Mein Handy verrät mir, dass der Zug schon vier Stunden Verspätung hat und wir daher keinesfalls um 10 Uhr in Gorakhpur am Bahnhof eintreffen werden. Mittlerweile ist es draußen Tag, aber weil ich meine Pritsche mittlerweile ganz gern habe, schnorchle ich meine Müdigkeit noch ein bisschen in mein Kissen und schlafe nochmal zwei Stunden.

Bett im Zug

Obere Etage in der 2. Klasse/AC im indischen Nachtzug von Delhi nach Gorakhpur

 

Auch an den Lärm um mich herum habe ich mich gewöhnt – und auch daran, dass plötzlich ein fremder Inder neben mir steht und sein Handy in unserem Abteil auflädt. Er setzt sich dann aber irgendwann unten in unser Abteil, was ich dann nicht mehr so witzig finde. In Indien scheint es sowas wie Privatsphäre einfach nicht zu geben.

 

17,5 Stunden im „Express“-Zug

Nach 17,5 Stunden laufen wir mit 5 Stunden Verspätung endlich im Schneckentempo in Gorakhpur am Bahnhof ein. Auf dem Bahnsteig liegen viele große Plastikpakete zum Verladen bereit. Ein unfassbar intensiver Marhiuhana-Geruch lässt vermuten, was sich unter dem Plastik verbergen könnte ;-).Total überfordert und auch ziemlich geschlaucht laufen wir Richtung Ausgang (wiederum über eine Überführung). Aus einem Reisebericht wissen wir, dass Busse Richtung Sonauli vor dem Bahnhof abfahren. Diese Haltestelle wollen wir finden. Zahlreiche Taxiangebote erschweren uns dies erst einmal.

 

Busbahnhof in Gorakhpur – Bus Richtung Sonauli: Der Versuch einer Beschreibung

Falls Du selbst diese Tour einmal machen solltest, möchte ich Dir hier kurz eine Orientierung zum Busbahnhof geben. Mit dem Verlassen des Bahnhofgebäudes siehst Du vor Dir einen Vorplatz mit Tuk-Tuks, Taxis und ggf. geparkten Autos. Dieses Parkplatz-Areal trennt den Bahnhof von einer parallel zum Bahnhof verlaufenden Hauptstraße, auf der sehr viel Verkehr ist. Dort musst Du erst einmal hin. Wenn Du die Straße erreicht hast, wirst Du durch Beobachtung feststellen, dass die Busse von der vor Dir von links nach recht verlaufenden Straße irgendwann gegenüber in eine kleinere Straße einbiegen. Hier sind links und rechts lauter Buden, Essensstände und es sieht nicht gerade vertrauenserweckend aus. Aber genau hier bist Du richtig.

Bus Sonauli

“Busstation” in der Nähe des Bahnhofs von Gorakhpur (Bus Richtung Sonauli)

 

Beobachte genau ein wenig weiter die Straße nach hinten, wo sich die Busse sammeln (das ist sowohl auf der linken, als auch auf der rechten Seite). Unser Bus fuhr auf der rechten Seite ab. Durch unser Gepäck haben wir auch jede zwei Sitzplätze gebraucht. Pro Sitzplatz haben wir 108 Rupien bezahlt. Erwarte nicht zu viel von dieser Fahrt. Die Busse sind alt, dreckig und Stoßdämpfer waren vielleicht irgendwann mal vorhanden. Trotzdem sind sie völlig zweckmäßig und werden Dich für kleines Geld an die Grenze bringen.

 

Sonauli – indisch-nepalesische Grenze

Die Grenze bei Sonauli ist eigentlich nur eine langgezogene Straße mit Buden und Wechselstuben auf beiden Seiten. Achte darauf, dass Du vor überschreiten der Grenze noch in der indischen Immigration Deinen Ausreisestempel abholen musst. Das indische Immigration Office befindet sich auf der linken Seite ca. 800 m vor dem Grenzübergang. Eigentlich kann man das nicht als Büro bezeichnen, sondern mehr als eine Art offene Garage, in der zwei Tische, mehrere Computer und Beamte zu finden sind. Das Abstempeln unserer Pässe geht flux und so machen wir uns inmitten von Autos, Rikshaws und hinter uns herlaufenden Menschen auf den Weg Richtung Grenze. Auch hier: Hätte ich GoogleMaps an der Stelle nicht gehabt, hätten wir uns vielleicht von den uns ansprechenden Leuten irritieren lassen.

Grenze_Sonauli

Zu Fuß über die Grenze nach Nepal – Sonauli bei Nacht

 

Zu Fuß nach Nepal – „Welcome to the land of peace“

Als wir tatsächlich die Grenze zu Fuß überschreiten, heißt uns ein Schild willkommen: „Welcome in the land of peace“. Wir spüren beide, wie eine unfassbare Last und Anspannung von uns abfällt. Und zwar ziemlich unmittelbar. Auch das nepalesische Immigration Office bringen wir ziemlich schnell hinter uns. Es ist von Vorteil, wenn man hier neben seinem Pass auch noch ein Passbild bereithält, weil es den Prozess erheblich beschleunigt. Wir zahlen 40 Dollar und dürfen dann gehen. Weil Geleen vorausschauend war, haben wir das Hotel „Little Buddha“ in Lumbini schon im Vorfeld angerufen und um einen „Pick-up-Service“ gebeten. Unser Fahrer wartet schon seit einer guten Stunde, da es auch mit dem Bus eine Verspätung gegeben hat. Um ca. 20:30 Uhr erreichen wir endlich nach mehr als 33 Stunden unser Hotel in Lumbini. Was für eine Odysee!

 

Little Buddha

Lumbini ist der Ort, an dem Siddharta Gautama der Buddha zur Welt gekommen sein soll. Letztes Jahr war ich schon einmal hier, aber nur sehr kurz. Daher war es mir wichtig, diesen wunderbaren Ort noch einmal erleben zu dürfen. Dieses Mal ist Geleen dabei. Wir haben eigentlich vor, den kommenden Tag zu nutzen und dann mit dem Nachtbus nach Pokhara weiterzufahren. Eigentlich fahren keine Nachtbusse, wie wir im Hotel erfahren, da aber am Sonntag ein Streik angekündigt ist, können wir doch mit einem Nachtbus fahren.

Danke, dass Du beim vierten Teil des Reiseblogs dabei warst! Vielleicht kannst Du von meinen Tipps und Erzählungen profitieren kannst. Ich freue mich über Rückmeldungen, Anregungen und Kommentare.

Im nächsten Blogpost erfährst Du etwas über Lumbini und unserer Fahrt nach Pokhara. Es bleibt weiter spannend!

Wenn Dir dieser Reisebericht gefallen hat, kannst Du hier den ersten,  hier den zweiten und hier den dritten Teil lesen.

Auf Facebook und Instagram findest Du zudem weitere Bilder und Eindrücke zu meiner Indien-/Nepal-Reise 2017.

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