LEBENDIG

Jaipur – auf der anderen Seite: Al Capone und der Sternensaphir

Nach der ersten krassen Indien-Injektion des Vortages haben mein Jet-Lag und ich nur eine kurze Nacht zusammen gehabt. Entsprechend müde schleppe ich mich ins Badezimmer. Mit irgendwann entsperrter Kreditkarte und Frühstück im Magen buchen wir einen Uber-Fahrer nach Jaipur (2700 Rupien).

Uberhaupt nicht lustig!

Unser Fahrer Rakesh klärt und vor der Fahrt auf, dass die Mautgebühren noch dazu kommen. Auf der Fahrt unterhalten wir uns – so gut es geht – ein wenig. Die Atmosphäre ist freundlich bis nach ca. 4 Stunden eine Nachricht auf dem Smartphone des Uber-Fahrers aufploppt. Ich reagiere erst nicht darauf und beobachte ihn. Er sitzt die Lippen bewegend vor dem Telefon und murmelt demonstrativ vor sich hin. Irgendwann frage ich, ob alles OK ist. Er zeigt mir die Nachricht “end your Trip and drop your customers off in safe place, drive back to home Station”.
Ich atme innerlich tief durch und lache dann laut auf. Ich höre mich resolut und langsam sagen, dass ich sicher nicht hier auf dem Highway aussteigen und bei den Affen schlafen werde (die links und rechts der Straße umherlaufen, spielen, Bananen essen und herumsitzen). Und ich bin sicher auch nicht bereit, mehr zu bezahlen, nur um am vereinbarten und bezahlten Zielort anzukommen. Rakesh zuckt nur mit den Schultern.

Der Telefon-Joker

Ich rufe Dinesh an und schildere ihm kurz, aber genau das Problem. Schon während ich spreche winkt Rakesh ab und sagt “ok, ok, ok!”, aber ich reiche das Telefon trotzdem an Rakesh weiter. Von der Rückbank aus höre ich zu, wie Dinesh Rakesh lautstark zusammenfaltet. Rakesh wirkt beschwichtigend, sagt kaum etwas und reicht mir irgendwann das Telefon. Dinesh sagt, es gehe jetzt alles normal seinen Gang – der Fahrer werde uns abliefern und wir sollen uns bei ihm melden, wenn wir sicher angekommen sind. Wie wichtig es trotz all der negativen Erfahrungen ist, sich (in Indien) nicht komplett zu verschließen! Nur so ist es möglich, auch Menschen kennenzulernen, die einem wohlgesonnen sind und sich für Dich einsetzen.
Die Fahrt geht weiter, auch wenn die freundliche Atmosphäre verflogen ist.

Sichere Ankunft – Meeting „The Boss“

Im Hotel Moonlight Palace werden wir sehr freundlich empfangen. Nach einem leckeren Thali auf der wunderschönen Dachterrasse, lernen wir Naim, den Besitzer des Hotels kennen.

Frisch zubereitetes und leckeres Thali

Frisch zubereitetes und leckeres Thali

 

Mit ihm reden wir fast 2 Std. Er erzählt von seinen Hotels und Geschäften, seinen Kontakten und seinen Leben, möchte uns bzgl. der Zugtickets helfen und seine Beziehungen spielen lassen. Er ist sehr bemüht, wirkt ein wenig verschlagen, aber auf eine nette Art. Er versucht uns nichts anzudrehen, sondern auch aus an unseren Erlebnissen interessiert, hört gerne zu. Bzgl. unserer Erfahrungen ärgert er sich über die „Mafia in Delhi“. Das ruiniere Indien und seinen Ruf und sei eine Schande. Da wir so erschöpft von den Strapazen sind, fragen wir im Verlauf des Gesprächs, ob er vom Hotel aus Tagestouren zu den Sehenswürdigkeiten von Jaipur anbietet. Naim bietet uns einen Fahrer an, betont aber auch, dass der Besuch einer Textilfabrik und eines Edelsteingeschäfts zum Programm gehören – auf keinen Fall sollen wir uns dabei aber gezwungen fühlen, etwas zu kaufen. Aus der Nummer kommen wir leider nicht raus, aber wir sind bereit, es in Kauf zu nehmen.

Indien und die Kasten

Wir erfahren viel über Jaipur und Indien im Allgemeinen. Naim berichtet uns von einem indischen Problem im Toursimussektor. Es gebe landesweit zu wenig „Unberührbare“. Daher würden die Toiletten in den Hotels oft zu selten gereinigt. Das sei ein Riesenproblem, da dieser Job ausschließlich von diesen ausgeführt werde. In diesem Zusammenhang wird mit bewusst, wie konkret die Kastenzugehörigkeit in das Leben der Inder einwirkt. Diese vor zig Jahren von Menschen gemachte Kategorisierung hält die Menschen durch Zuordnung eines Wertes bis heute in engen Grenzen gefangen und den Möglichkeiten beschränkt. Von Geburt an bis zum Tode. Ein bisschen traurig macht mich das schon. Wenngleich ich weiß, dass dies ein fester und ordnungsstiftender Bestandteil der faszinierenden Kultur ist, in der ich gerade Gast sein darf.

Hindus, Moslems und Musik – es wird niemals still in Jaipur

In Jaipur selbst leben 50% Hindus und Moslems. Teilweise führt das zu Unruhen und Auseinandersetzungen, trägt aber auch zu einer liebevoll bunten Vielfalt bei, die uns in den Angeboten der Straßenverkäufern, den Gerüchen, der Kleidung und den Gesichtern der Menschen begegnet. Von den Minaretten schallen morgens und abends Gebete, die von den hinduistischen, instrumentalen Einlagen (auch morgens und abends) abgelöst werden. Momentan ist hier auch die Hochsaison für Hochzeiten. Nachts knallen die Feuerwerkskörper in den Himmel und bis 2-3 Uhr nachts wird lautstark indische Trance- und Elektromusik gespielt. Um 5 Uhr schallert schon wieder der Minarett-Man, danach die Hindu-Kapelle (Schellen, Trommeln im schnellen Rhythmus) los. Von 3-5 Uhr kann man den röhrenden und hupenden Verkehr aber völlig ungestört genießen ;-). Hier ist immer was los! Mein Jet-Lag und ich schlafen eher flach und wenig. Selbst durch die Ohropax bekomme ich immer noch genug mit, um aufgewühlt zu bleiben. Bisher gab es auch keine Zeit, all das wirklich zu verarbeiten.

Tour durch Jaipur

Den nächsten Tag treffen wir morgens Nadeem, unseren Fahrer. Wir besuchen Albert Hall, Pink City, Jal Mahal, Hawa Mahal, Amer Fort und Monkey Temple.

Hawa_Mahal

Hawa Mahal, Pink City, Jaipur

Amer Fort Jaipur

Amer Fort, Jaipur

 

So richtig schauen wir uns eigentlich nur das Amer Fort an. Die Atmosphäre dort ist wirklich besonders. Eine orangefarbene Festung inmitten einer wüstenartigen, bergigen, kargen Landschaft. Die Innenhöfe sind mitunter begrünt. Wir verbringen viel Zeit mit dem Umherstreifen in den verzierten Räumen und Fluren, bewundern Torbögen und die Aussicht.

 

Amer Fort, Jaipur2

Amer Fort, Innen, Jaipur

 

G Jaipur Amer Fort

Amer Fort, Jaipur

 

Die anderen Plätze passieren wir nur und das genügt uns völlig.

Ein klares „Nein“ ist unbedingt zu empfehlen!

Der Besuch der Textilfabrik erweist sich als anstregend und nervig: Uns wird mehrfach gesagt, wir seien keinesfalls zum Kauf verpflichtet, müssen uns aber nach Besichtigung der Fertigungshalle jeden einzelnen Entwurf des Besitzers ansehen und dazu „ja“, „nein“ oder „vielleicht“ sagen, nachdem er den Preis genannt hat. Eine kluge psychologische Taktik: Weil der Besitzer zuvor freundlich betont hat, dass er jedes Design selbst mühe- und liebevoll entworfen hat, habe ich mit jedem „nein“ das Gefühl, ihn selbst und nicht sein Produkt abzulehnen. Wir ziehen das durch, sagen der Reihe nach zu allem „nein“ und ich habe den Eindruck, dass es doch nicht so „ok“ ist, dass wir nichts kaufen. Mein kurz danach aufkeimendes schlechtes Gewissen bekomme ich aber schnell in den Griff: „das ist nicht mein Problem! Ich wollte das von vorneherein nicht!“. Indien bietet für all diejenigen eine prima Möglichkeit zum Training, die nicht guten Gewissens „nein“ sagen können. Hier wirst Du im Dauerexpositionstraining lernen, „nein“ zu sagen! 😉

Klare Vorsätze und der „Star of India“

Überraschend verläuft der Besuch im Juweliergeschäft: Mir ist von Anfang an klar, dass ich hier keinesfalls etwas kaufen werde. Der Verkäufer und Meditationslehrer „Yogi“ erkennt ziemlich schnell, dass wir keine potentiellen Kunden sind. Er insistiert angenehmerweise auch gar nicht, sondern erzählt uns von seinen Meditationskursen und wie er mit Menschen zusammengearbeitet und ihnen auch geholfen hat. Ich möchte nichts kaufen, er möchte nichts verkaufen. 1,5 Stunden später verlasse ich das Geschäft als stolze Besitzerin eines Sternensaphirs („Star of India“). Sehr konsequent! 😉 Was ist da nur passiert?

Go with the flow

Es entspinnt sich ein Gespräch über unsere wechselseitigen Erfahrungen in der Arbeit mit Menschen. Wir landen bei Reiki und den Chakren und über die Zuordnung von Steinen zu den Chakren sind wir wiederum im Juweliergeschäft angelangt. Er möchte uns einen Stein zeigen, den er zu „diagnostischen Zwecken“ einsetzt. Weder bedrängt uns Yogi, noch scheint er Hoffnungen auf einen Verkauf zu haben. Nach einigen allgemeinen Schilderungen zu seiner Arbeit mit Steinen und Chakren, fragt er vorsichtig nach, ob er kurz persönlich werden darf. Er darf. Unter vier Augen benennt er konkrete Ereignisse aus meiner jüngeren Vergangenheit, von denen er keine Kenntnis haben kann. Er fragt nach, ob das stimme – ja, das tut es. Er fragt weiter, ob ich konkret in zwei Körperbereichen Beschwerden habe, was ich wiederum bestätigen kann. Er teilt mir seinen Eindruck mit, inwiefern sich die Ereignisse auf meine Chakren ausgewirkt haben und was ich diesbezüglich selbst tun kann. Dann legt er mir den Sternensaphir in die Hand und eigentlich ist dann alles gesagt.

Sternensaphir - "Star of India"

Sternensaphir – “Star of India”

 

Es sind keine weiteren Argumente nötig: ich spüre die Wirkung unmittelbar und mir ist klar, dass dieser Stein heute mit mir hier den Laden verlassen muss. Yogi will mir erst eine Variante für 300 Euro verkaufen, was meine Kinnlade auf den Tisch knallen lässt. Seine günstigste Variante liegt bei 71 Euro und selbst das ist mir noch zu teuer. Er geht tatsächlich so weit mit dem Preis runter, dass ich ihn mir leisten und mitnehmen kann. Als ich den Laden verlasse – kein schlechtes Gefühl – im Gegenteil: ich bin dankbar. Nachdem ich zu diesem Stein recherchiert habe, weiß ich: hier wurde ich nicht abgezogen, sondern beschenkt. So viel hat er an mir nicht verdient. Das ist also auch Indien.

Meeting „The Boss“, Teil 2

Abends sind wir ziemlich erledigt und wollen eigentlich gar nichts mehr, nur noch ins Bett. Nach dem Essen auf der Dachterrasse treffen wir uns dann aber wieder mit Naim. Er hat unsere Tickets für die morgige Zugfahrt nach Agra organisieren können. Auch kann er uns einen Fahrer zu einem angemessenen Preis von Agra nach Delhi anbieten. Wir nehmen beides dankbar an. Er lässt klar durchblicken, dass er von uns beiden dafür eine gute Bewertung für sein Hotel erwartet. Die bekommt er auch – völlig zurecht. Zudem kann ich ihm bei einem gesundheitlichen Problem mit einer Information weiterhelfen. Während unseres langen Gesprächs erfahren wir auch, wie er mit einem 8 kg schweren Koffer voller Silber in Mumbai von einem Taxifahrer veräppelt wurde und dadurch seine australische Geschäftspartnerin nicht treffen konnte. Naim kennt viele Leute. Immer wieder klingelt sein Telefon und jemand will etwas von ihm. Er hat es geschafft, einen Tag vor Abreise noch Zugtickets für einen ansonsten voll ausgebuchten Zug zu besorgen. Langsam fragen wir uns, wie er das geschafft hat und ob dabei auch alles „legal“ zugegangen ist. Dennoch stimmen wir darin überein, dass wir ihm vertrauen.
Abends fallen wir komatös ins Bett und mein Jet-Lag kommt ebenfalls zur Ruhe – 9 Stunden Schlaf! Yeah!

Walking the highway

Am nächsten Morgen wollen wir vor unserer Zugfahrt noch einen eigenen Eindruck von Jaipur gewinnen und laufen Richtung Pink City los. Was anfangs noch gut zu ertragen ist, wird irgendwann kaum noch aushaltbar: Tuk-Tuk- und Riksha-Fahrer quatschen uns permanent an. Auf unserem Spaziergang laufen wir tatsächlich einfach über einen Highway.

Walking the highway

Spaziergang auf dem Highway, Jaipur

 

G. kann es erst gar nicht glauben, dass dies der Weg sein soll, aber wir sind nicht die Einzigen, aber sicher die einzigen Touristen. Einige Riksha-Fahrer quälen sich mit ihrer Ladung ebenfalls bergauf. Die Autoabgsae sind nicht so schön – wir sind danach total zugerußt, aber ich bin auch noch nie zuvor auf einem Highway spazieren gegangen. Wir bewegen uns auch durch Straßen und Bezirke, in denen uns ein mulmiges Gefühl beschleicht. Überhaupt habe ich mich noch nie in einem Land so selten wirklich zuverlässig „sicher“ gefühlt. Dennoch ist eben das auch gerade die Herausforderung.

Indien – „von der anderen Seite“

Kurz vor knapp kommen wir am Hotel an und werden von Naim zum Bahnhof gefahren. Der Verdacht, dass wir es bei Naim mit der Miniausführung eines indischen Al Capone zu tun haben erhärtet sich. Am Bahnhof meint Naim, er kenne eine Abkürzung in den Bahnhof. Dann scherzhaft: Schließlich gebe sich die Mafia nicht mit dem herkömmlichen Eingang zufrieden. Wir lachen dabei alle, wenngleich auch klar ist, dass er es sicher anteilig ernst meint. Ich bedanke mich bei ihm nach den Erfahrungen mit der Touristenmafia – ebenfalls halb scherzhaft, halb im Ernst – für die Erfahrung „auf der anderen Seite“. Vielleicht bewegt er sich nicht immer in den Grenzen der Legalität, aber ich bin mir vom Gefühl her sicher, dass er niemanden absichtlich bösartig prellen oder Schaden zufügen würde. Uns gegenüber hat er in seiner Offenheit ein gutes Herz gezeigt und sich als Gastgeber mehr als vorbildlich verhalten. Im Gegensatz zu all den anderen Wartenden am Bahnhof führt er uns dann in einen in schwaz gehaltenen, mit edlen Sofas bestückten Warteraum, an dessen Wand golden schimmernde Abbildungen der Sehenswürdigkeiten von Rajasthan hängen. Eigentlich dürften hier nur wenige Leute rein, aber mit ihm hätten wir Zutritt.

Immer wieder Unsicherheit – Ankunft in Agra

Nach 20 Minuten Verspätung verabschieden wir uns von Naim am Zug mit Dankesworten und einer Umarmung.

Fahrt nach Agra von Jaipur, Chairs, AC

Fahrt nach Agra von Jaipur, Chairs, AC

 

Ca. 6 Stunden später treffen wir mit 1,5 Std. Verspätung am Bahnhof in Agra ein. Der Pick-up-Service des „Moustache“ (ein Hostel) sollte schon da sein. Vom Bahnsteig her folgen uns vier junge Männer, die uns in der Menge immer wieder Blicke zuwerfen und uns mustern. Als mir das auffällt, bleibe ich stehen und halte G. fest. Zwei der Männer bleiben auch stehen. Wir bekommen leichte Panik. Ich rufe nochmal im „Moustache“ an und bekomme versichert, dass unser Mann am Ausgang wartet. Als wir uns dem Ausgang nähern spricht mich einer der Männer an, ob ich ein Tuk-Tuk brauche. Erleichterung. Also ging es nur darum. Da sehe ich schon ein Schild mit meinem Namen. Der Fahrer spricht wenig englisch, ist aber sehr nett und nach 15 Minuten Fahrt durch die hier deutlich kältere Nacht, gelangen wir um 23:30 Uhr bei unserem Hostel an und fallen einfach nur noch ins Bett.

Ergänzende Empfehlungen

Das Hotel Moonlight Palace und unseren Fahrer Nadeem kann und möchte ich in jedem Fall wärmstens empfehlen. Wer in Jaipur gerne eine Besichtigungstour machen möchte, kann bei ihm ein ganzes Paket buchen (Mobil: 97833-27186). Vielleicht geht das nach Rücksprache auch ohne den Besuch der Fabrik und des Juweliergeschäfts. Generell passt Nadeem die Tour auf die Wünsche der Gäste an und 750 Rupien pro Nase für einen ganzen Tag fanden wir (inkl. Trinkwasser, zzgl. Eintrittspreise) durchaus vertretbar.

Wenn Dir dieser Reisebericht gefallen hat, kannst Du hier den ersten Teil lesen.

Auf Facebook und Instagram findest Du zudem weitere Bilder und Eindrücke zu meiner Indien-/Nepal-Reise 2017.

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