LEBENDIG

Agra und das Taj Mahal: Endlose Liebe und Trauer

Nach einer friedlichen Nacht und eher kargem Frühstück im „Moustache“ brechen wir am Morgen zu Fuß Richtung Taj Mahal auf. Der Mann am Empfangsschalter instruiert uns zum Ticketkauf. Wir müssen uns von kleinen „Golfcars“ zum Taj fahren lassen. Auf dem Weg dahin werden wir wieder dermaßen oft angesprochen – ob wir eine Rikshaw brauchen. Das permanente Ablehnen/Ignorieren strengt mich fürchterlich an. Seit ich hier in Indien bin habe ich immer wieder das Gefühl, gar nicht abschalten zu können. Sobald ich vor die Türe trete bin ich hellwach oder sollte es zumindest sein. Meine gesamte Aufmerksamkeit ist auf die Geschehnisse gerichtet, ohne dass ich einen Menschen direkt ansehen kann. Denn das wird sofort als Einladung, bzw. Aufforderung verstanden. D.h. mein Blick ist in die Ferne gerichtet, während das unmittelbar vor mir liegende eher unbeachtet bleiben sollte. Das empfinde ich als extremes Kontrastprogramm zu Deutschland.

 

Im weißen Licht der Liebe

Im Golfcar unterhalte ich mich einige Minuten mit einer netten indischen Frau, die ihre beiden Söhne und den Ehemann dabei hat. Ich nicke Ihnen lächelnd zu, alle lächeln zurück. Sie lebt in Agra und der älteste Sohn (17 J.) sei noch nie im Taj Mahal gewesen. Am Ticket-Counter verlieren sich unsere Wege. Wir geben unsere Rucksäcke ab, erhalten eine Flasche Trinkwasser und Überzieher für die Schuhe. Es dauert nicht lange, bis wir durch den Ostflügel das Gelände betreten. Das rote Fort liegt genau gegenüber, nur wenige km entfernt hinter dem Westausgang. Doch zuerst wollen wir das Taj sehen. Ein weiteres, mächtiges Tor trennt uns noch vom Anblick des Mausoleums aus weißem Marmor. Als ich mit der Masse an Menschen durch das Tor trete, bekomme ich eine Gänsehaut und – feuchte Augen.

Manchmal wirken Plätze so auf mich. Ich habe das Gefühl, eine Energie zu spüren, die von diesem Ort ausgeht. Je näher ich dem Taj komme, umso intensiver wird es. Als ich es zum ersten Mal sehe, wirkt es wie eine Fata Morgana – so strahlend weiß und kraftvoll, dass es mir die Sprache verschlägt. Das Taj Mahal wirkt unwirklich, wie aus einer anderen Welt. Vor uns liegt ein großer Garten. Bäume und angelegte Wege, Parkbänke. All das verschwindet einfach, wenngleich es wunderschön ist. Das Taj Mahal, rein aus weißem Marmor errichtet, überstrahlt und umhüllt einfach alles. Es reflektiert die Strahlen der Sonne so stark, dass mir nach kurzer Zeit die Augen schmerzen. Gleichzeitig meine ich die Intensität und Macht dieser Liebe zu spüren, die hinter dem Bau dieser weißen Schönheit steckt. Dieser Mann muss diese Frau sehr geliebt haben. Und er konnte sie selbst im Tod nicht loslassen.

Taj Mahal, Agra

Das Taj Mahal in Agra – eine unbeschreibliche Erfahrung

Im Schatten der Einsamkeit des Todes

Das Taj Mahal berührt mehrere Punkte in mir. Neben dem überwältigenden Gefühl dieser machtvollen Liebe nehme ich auch die maßlose Trauer und den Schmerz über diesen kaum zu überwindenden Verlust wahr. Dies spüre ich ganz deutlich, nachdem wir unsere Überschuhe angezogen haben und in das eigentliche Mausoleum auf den weißen Marmor treten. In einem dunklen Innenraum befinden sich zwei Marmorkenotaphe, die nebeneinander stehen und durch eine ebenfalls aus Marmor bestehende, aufwendig verzierte Mauer vom Außenring abgeschirmt sind. Hin und wieder kommen wir von dort aber einen Blick auf die Kenotaphe erhaschen. Wir bewegen uns einmal außen herum, während vom Kuppeldach zugegeben ziemlich gruselige choralartige Gesänge widerhallen. Hier fühle ich mich ziemlich beklommen. Diese Einsamkeit, Trauer und Verzweiflung schnürt mir fast die Kehle zu. Dieses Festhalten wirkt hier erdrückend – die Trauer alleine ist hier dominant. Der weiße Schein des Taj Mahal dringt nicht bis nach hier innen vor. In diesem strahlend weißen Monument der Liebe (auf den ersten Blick) liegt diese kalte und verzweifelte Trauer verborgen. “Wie so oft im Leben”, denke ich mir – “ohne Licht kein Schatten, ohne Schatten kein Licht.”

Wieder draußen stiftet die Sonne gute Laune. Um uns herum tummeln sich einige Besucher. Die meisten scheinen aus Indien zu kommen. Es finden sich hier nur wenig ausländisch wirkende Touristen. Man sitzt und ruht aus. Barfuß auf dem weißen Marmor zu laufen fühlt sich unbeschreiblich schön an.

Taj Mahal, Selfies

Vorbereitendes Anschleichen – Inderinnen wollen ein Selfie mit mir – und ich kapiere es nicht 😉

 

Kontrastprogramm

Nach der traurigen Innenschau folgt nun das indische Kontrastprogramm. Wie bereits vor Betreten des Taj, werden wir zum zweiten Mal gefragt, ob man Selfies mit uns machen darf. Beim ersten Mal hatte ich das völlig in den falschen Hals bekommen und ein Bild von den fragenden Damen machen wollen. Aber auch nach Aufklärung, dass ich kein Popstar oder sowas sei, wollten sie einzeln mit mir fotografiert werden. Auch jetzt wollen sie erst mit Geleen und dann mit mir einzeln posieren. Das fühlt sich völlig seltsam an, weil ich mir wie eine Requisite vorkomme. Vielleicht sind wir mittlerweile in Indien auf Facebook bekannt?

 

Frieden und Sicherheit

Wir laufen noch ein wenig durch den wunderbaren Garten und genießen fast erstmals ein Gefühl von Frieden und Sicherheit. Niemand spricht uns blöd an. Abgesehen von einem einzigen Fotografen ganz zu Beginn, der trotz mehrmaliger Ablehnung so penetrant blieb, dass ich zugegeben irgendwann den Impuls verspüre, ihn zu schlagen. Ansonsten fühle ich mich hier gut aufgehoben, wie auf einer Insel. Es ist friedlich hier und die Menschen wirken ebenso – ruhig, andächtig und voller Leichtigkeit.

Taj Garten

Das Taj Mahal, Blick aus den Gärten

Zum Red Fort

Das ändert sich relativ schnell, als wir das Taj durch das Osttor wieder verlassen. Wir holen die Taschen und bewegen uns Richtung Red Fort. Das soll ca. 2,5 km entfernt sein. Laufen südwärts an den Geschäften vorbei, wo wir wiederum jedesmal angesprochen werden. Den Atem für ein “nein” Kann man sich hier schenken. Wieder: Kontrastprogramm. Eben noch berührt und im Frieden, nun genervt und gestresst. Rikshaws und Tuk-Tuks düsen an uns vorbei, fahren neben uns her, immer wieder die direkt Frage: “ma’am need tuk-tuk? Long way. Where are you going? Red Fort?”. Es hört einfach nicht auf. In einem Kaffee essen wir kurz ein Eis und ich werde von einem jungen Beschäftigen derart unverhohlen angestarrt, dass mir richtig unwohl wird. Ich meine Feindseligkeit zu spüren. Die Luft ist dick hier. Nichts wie raus.

Draußen verlaufen wir uns erstmal und finden uns auf einmal umgeben von lauter Indern vor einer Schule auf einem Platz, wo irgendwas los zu sein scheint. Alleine dort zu sein fühlt sich falsch an. Wir drehen rasch um.

 

Angst und Bange

Mithilfe von GoogleMaps finden wir den offiziellen Weg zum Red Fort. Obwohl der an einer Straße entlang führt, fühlen wir uns mehrmals unwohl. Der Verdacht, verfolgt zu werden, bestätigt sich zum Glück nicht. Trotzdem fühlen wir uns mit griffbereitem Pfefferspray sicherer. Einmal lacht ein einzelner, hinter uns laufender Inder mehrmals laut und etwas “irre” laut auf. Ich drehe mich vorsichtig um und er versucht sofort, Blickkontakt mit mir aufzunehmen. Er lacht wieder auf. Ich schaue weg und tue das weiterhin konsequent, während wir kurz langsamer werden, um ihn überholen zu lassen. er lacht immer wieder während er sich mehrfach nach uns umdreht. Ich versuche aufrecht zu gehen, schaue ernst und gezielt an ihm vorbei.

Als wir das Red Fort erreichen sind wir froh und werden durch das spätnachmittägliche Licht einer intensiv-orangefarbenen Sonne belohnt.

Red Fort

Red Fort (oder auch Agra Fort) in Agra

Glühender Nachmittagszauber

Das Red Fort wird im zauber dieser Sonne seinem Namen mehr als gerecht. Wir kommen in den Genuss wunderschön begrünter Innenhöfe, Affen, zahlreicher Vögeln, auch riesigen, grünen Papageien und einem atemberaubend schönen Stück indischer Architektur.

Red Fort innen, Agra

Schülergruppe vor einem der aus Marmor erbauten Innenhöfe der Red Fort in Agra

 

Von weitem ist durch eine der Arkaden auch das Taj Mahal in der Ferne zu sehen. Der Mogul, der einst des Taj Mahal für seine verstorbene Frau hat errichten lassen, wurde von seinem eigenen Sohn im Red Fort inhaftiert, als dieser die Macht übernahm. Das Red Fort ist riesig, bietet jede Menge Möglichkeiten zum Erkunden, Staunen und Genießen. Entgegen meiner ersten Annahme lohnt sich ein Besuch hier wirklich!

Agra Fort

Paar in der Nachmittagssonne des Red Fort

 

Noch einmal erleben wir Frieden, Sicherheit und innere Ruhe.

Red Fort, innen

Red Fort von innen – einer der beiden großen, begrünten Innenhöfe. Hier tummeln sich auch Grünpapageien und Affen

 

Wahrlich ein Tag voller Kontraste. Wir finden rasch einen seriös wirkenden Tuk-Tuk-Fahrer, bei dem ich mich nochmal Rückversichere: “no Stops!”, “directly to the Hotel”, “100 rupies”. Er nickt alles ab und wirkt dabei glaubwürdig und ehrlich. Und es läuft auch alles, wie besprochen.

Thali bei Locals

Bereits morgens war uns vor einem Restaurant ein Schild aufgefallen, auf dem Thali für nur 99 Rupien angeboten wurden. Hier wollen wir unser Glück versuchen und werden nicht enttäuscht. Das einfache und unscheinbare Rival-Restaurant in der Shilpgram Rd. bietet neben extrem leckeren Speisen auch einen super Service durch den sehr freundlichen Besitzer und seine Angestellten. In total ungezwungenem Ambiente speist man hier mit Locals, während im Hintergrund ein Bollywood-Film läuft. Es gibt auch indisches Frühstück, z.B. Baji Kachori bekommt man hier. Hingehen! Ausprobieren!

Rival-Restaurant

Rival-Restaurant in der Shilpgram Rd. – Leckeres Thali mit Locals bei einem Bollywood-Film

 

Bzgl. des Bollywood-Genres wurde mir eines klar: das ist wirklich das Gesicht von Indien! Rasche Szenenwechsel, drei Handlungsstränge gleichzeitig, jede Menge liebe und Drama, bunt, schillernd, einfach zu viel. Wer also einen Eindruck von Indien bekommen möchte, Kann sich einfach vorstellen, er spielt in einem Bollywood-Film mit. Dann bekommt man so ein Gefühl für die Geschwindigkeit ;).

Mit vollem Bauch und erfüllt von all den Eindrücken, sinken wir ins Bett. Unser Fahrer möchte mich auf eine “Ganja”-Zigarette einladen, was ich trotz “good quality” dankend ablehne.

 

Morgen startet unsere große Reise, an deren Ende wir die indisch-nepalesische Grenze in Sonauli überschritten haben möchten.

 

Wenn Dir dieser Reisebericht gefallen hat, kannst Du hier den ersten und hier den zweiten Teil lesen. In kürze findest Du den vierten Teil, der bereits in Arbeit ist. Darin werde ich Dir von unserem unfassbaren 36-Stunden-Trip berichten. Du darfst gespannt sein!

Auf Facebook und Instagram findest Du zudem weitere Bilder und Eindrücke zu meiner Indien-/Nepal-Reise 2017.

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Jaipur
Jaipur – auf der anderen Seite: Al Capone und der Sternensaphir
Indische Frauen
Von Agra nach Lumbini – Escaping India: Odysee in 33 Stunden

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