EMPATHIE UND NARZISSMUS

Trauma und Co-Narzissmus: Mechanismen verstehen und überwinden

Trauma und Co-Narzissmus: Mechanismen verstehen und überwinden

Was hat eine frühe Traumatisierung mit destruktivem Beziehungsverhalten zu tun? Und wie kann man dem entwachsen und Wege in eine neue, gesunde und erfüllende Beziehungsform finden? Ein zentraler Aspekt ist dabei die Verbindung zu den eigenen Gefühlen, dem eigenen Innenleben – d.h. eine gesunde Beziehung zu sich selbst.

Traumatische Erfahrungen jedweder Art können diese Beziehung zu uns selbst erschweren oder gar verhindern. Persönlich empfinde ich es so, dass wir alle das ein oder andere (Beziehungs-)Trauma haben – auch wenn wir im psychopathologischen Sinne vielleicht nicht die Kriterien einer Posttraumatischen Belastungsstörung erfüllen. Dieser Artikel liefert einen verständnisvollen und aufrichtigen Blick in die tieferen Schichten, in mögliche Mechanismen und potentielle Ansatzpunkte.

Wir alle haben gewisse Dinge, die uns Angst machen, die wir vermeiden wollen oder auch Gefühle, Verletzungen, die wir lieber nicht (mehr) spüren möchten. Verständlich. Doch dass eben dieses “nicht haben wollen” dazu beiträgt, dass wir es in uns konservieren – darum geht es u.a. in diesem Artikel.

 

Allgemein: Von der Subjektivität der Wahrnehmung 

Wenn wir mit anderen Menschen eine Erfahrung machen, die uns im tiefsten Inneren schmerzt und verletzt, uns in ein bis dahin nicht gekanntes Chaos stürzt, dann sucht unser Verstand nach Erklärungen dafür. Wir Menschen neigen dazu, Sicherheit zu empfinden, wenn unser denkender Verstand einen Halt findet – oft in einer Geschichte, die wir uns über uns selbst oder andere Menschen erzählen. Diese Geschichte basiert auf unserer Art, die Welt wahrzunehmen, abgespeicherten Erfahrungen, begrenzten Informationen. Unsere Geschichten und Erklärungen sind immer subjektiv und unvollständig. Im Laufe der Zeit haben wir ein Bild von der Welt geformt, vom Leben, den Menschen. Oft sind auch unsere Werte, was uns wichtig oder unwichtig ist begrenzt auf das Ergebnis unserer Konstruktionen (und individueller Unterschiede).

Unsere Geschichten, Erklärungen sind beschränkt, subjektiv, verzerrt. Doch wie oft machen wir uns diesen Umstand bewusst?

Unser Erleben und unsere Wahrnehmung wird durch unsere subjektive Blaupause geflitert. Dass wir diese auf Basis unserer Erfahrungen über die Jahre unbewusst konstruieren, findet sich u.a. auch in den Erklärungsansätzen des Konstruktivismus. Psychologische Schulen wie die Verhaltenstherapie oder die Psychoanalyse nehmen Ähnliches an. In der Verhaltenstherapie sind es die Organismus-Variablen (die Lerngeschichte), welche Gedanken, Gefühle und Verhalten mit determinieren. Die Psychoanalyse beschreibt z.B. die Introjektion – die Einverleibung bestimmter Erfahrungsinhalte.

Wir machen uns also das zu eigen, was wir erlebt haben. Annahmen, Bedingungen und Regeln, die für uns im Laufe unseres Lebens auf irgendeine Weise bestimmend und wichtig gewesen sind, formen via Blaupause unsere subjektive Realität – wirken sich auf Denken, Fühlen und Handeln aus.

 

Wahrnehmung und Traumata

Wenn wir in früheren Zeiten traumatische Erfahrungen gemacht haben, hinterlässt das seine Spuren in unserem System. Zum Zeitpunkt dieser Erfahrung schaltet unser System in einen Ausnahmezustand. Unser emotionales Zentrum – das limbische System – ist in dieser Zeit hochaktiv. Die Person befindet sich in diesem Moment häufig auch in einer Art vernebelt-verschwommenem Trancezustand, der auch als Dissoziation bezeichnet wird.
Die Dissoziation ist eine erste Schutzstrategie: Die Steuerzentrale (thalamische Areale) im Gehirn ist überfordert und kommt mit dem, was gerade stattfindet, nicht zurecht. Es ist zu viel. Ein Teil des Erlebens wird abgespalten werden (also auch unserem bewussten Erleben und der Erinnerung entzogen), um das System zu schützen.

Folglich können Abläufe und Situationen nur fragmentarisch erinnert und auch in unserer Erinnerung abgespeichert werden. Im biographischen Gedächtnis sind traumatische Hergänge oft nicht vollständig oder klar abrufbar. Dagegen werden Schmerz, Verwirrung, Angst, Hilflosigkeit, Ekel o.ä. intensiv erlebt, wodurch unser Emotionszentrum quasi in Flammen steht. Bei Menschen mit Traumatisierung ist die Schwelle für deren Reaktivierung häufig herabgesetzt. Entsprechende Schlüsselreize (Trigger) können das emotionale Wiedererleben auslösen. Alte Gefühle drängen an die Oberfläche.
Das Wiedererleben ist aversiv, d.h. die traumaassoziierten Emotionen stressen das System. Sie sind angstbesetzt und unangenehm. Ein Großteil der Bemühungen dreht sich in der Zeit nach dem traumatischen Erleben daher darum, diese Gefühle nicht mehr zu erleben (Vermeidung). Innerlich wird das emotionale Wiedererleben oft als so bedrohlich erlebt, wie das traumatische Ursprungserleben selbst.

Trigger sind mit dem Trauma assoziierte Reize, die objektiv betrachtet auch neutral sein können (z.B. eine Banane, ein bestimmter Geruch etc.). Erst die subjektive Erfahrung führt dazu, dass eine bedrohliche Zuordnung erfolgt (Kopplung). Noch lange Zeit nach dem Trauma können diese Trigger die entsprechenden Gefühle auslösen.

Um das System vor erneutem Stress (dem Wiedererleben) zu bewahren, wird im Laufe der Zeit unbewusst ein komplexes Netzwerk an Schutz- und Vermeidungsstrategien aufgebaut. Die Gefühle sollen keinesfalls erneut erlebt werden!

 

Schutzverhaltensweisen nach Traumata

Schutzverhaltensweisen können bestimmte Denk-, Interaktions- und Verhaltensmuster sein, die es uns heute vermeintlich ermöglichen, den Schmerz und die traumaassoziierten Gefühle irgendwie zu kontrollieren. Es ist wichtig zu verstehen, dass das Etablieren von Strategien damals überlebenswichtig war! Ein natürlicher Vorgang, der in der traumatischen Situation (und danach) dafür gesorgt hat, psychisch, emotional und seelisch zu überleben. Das möchte verstanden werden!

Was als Schutzstrategie gelernt wurde, fand so Eingang ins System und entwickelte sich weiter.

Sind wir früher einem bestimmten Menschen (z.B. dem Vater) aus dem Weg gegangen, weil es mit mehr Sicherheit einherging (z.B. keine Schläge bekommen), meiden wir im Verlauf vielleicht auch andere Menschen, die gewisse traumaassoziierte Ähnlichkeiten mit diesem einen Menschen haben (z.B. einen ähnlichen Bart oder eine gewisse Gestik, Mimik). Diesen Vorgang kann man auch als Generalisierung bezeichnen (eine Sonderform der Konditionierung). Im extremsten Fall besteht vielleicht Männern ggü. generell ein Vermeidungsverhalten. Auch bestimmte Situationen können gemieden werden (z.B. eine Bahnhofsvorhalle), wenn hier die Befürchtung einer Gefahr besteht (ein Mensch könnte anwesend sein, der uns Angst macht oder bedroht). Mit den damit einhergehenden Einschränkungen (z.B. keine Zugfahrten mehr).

Das Schutzverhalten hat mit zunehmender Zeit einen immer einschränkenderen Charakter. Es dient jedoch oft auch als Strategie gegen befürchteten Kontrollverlust. Neben unangenehmen Gefühlen ist es auch die oben beschriebene Dissoziation oder Trance, die nicht wieder erlebt werden will. Obwohl sie einerseits das System entlastet, weil ein Teil vom Erleben abgespalten wird, fühlen sich die meisten Menschen in diesem Zustand hilflos, eingeschränkt handlungsfähig und präsent. Ein an sich unangenehmer Kontrollverlust – jedoch mit kurzfristig entlastendem Charakter (s.o.).

Dem befürchteten Kontrollverlust wird z.T. entgegengearbeitet, indem scheinbar kontrollierbare Dinge kontrolliert werden: Alltag, Haushalt, bürokratische Dinge. Auch die eigenen Emotionen werden zu kontrollieren versucht. Aus dem Bedürfnis nach Kontrolle kann sich auch eine Tendenz zu einem weiteren Schutzverhalten entwickeln, das ich gerne als Fremdfeldern bezeichne.

Eigene Emotionen werden sehr stark kontrolliert werden (was mit Anstrengung verbunden ist), weil das eigene Feld des persönlichen Erlebens unsicheres Terrain zu sein scheint (Gefahr, dass eine emotionale Bombe hochgeht). Ein weiterer Schutzmechanismus kann darin bestehen, sich im Übermaß mit den Themen, Problemen und Lebensgeschichten anderer Menschen zu beschäftigen. Im Feld eines Anderen zu sein und das eigene unsichere Terrain zu verlassen, kann sich entlastend anfühlen.
Bitte nicht falsch verstehen: Wir sind als Menschen alle sozial verbunden und sind füreinander da und aneinander interessiert. Das entspricht unserer wahren Natur. Mit Fremdfeldern hingegen meine ich das Verlieren der Verbindung zu sich selbst, eine vielleicht mittlerweile automatische Vermeidung des Innenlebens, der eigenen Gefühle. Eine starke Identifikation mit dem Feld des Anderen.
Hieraus können sich v.a. im zwischenmenschlichen Bereich negative Konsequenzen ergeben.

 

Co-Narzissmus, Trauma und die Entkopplung vom eigenen Innenleben

Wird das Feld der eigenen Gefühle als bedrohlich empfunden, kann es im Laufe der Jahre zu einer emotionalen Selbstentfremdung kommen.
Eine schwache Kenntnis und Verbindung zu eigenen Gefühlen, wirkt sich auf die innere Klarheit und Entscheidungsfähigkeit aus. Gefühle lassen unseren inneren Kompass ausschlagen, zeigen uns an, was uns wichtig und wertvoll ist. Fehlt diese innere Verbindung oder ist sie geschwächt, sind wichtige Bestandteile für ein ganzheitliches, selbst-bewusstes und selbst-sicheres Erleben nicht gegeben. Die Beziehung zu uns selbst ist keine gesunde.
In Kombination mit dem oben beschriebenen Fremdfeldern kann es zu einer destruktiven Form von Beziehung (siehe Artikel) kommen.
Dadurch, dass das Feld der eigenen Gefühle und Bedürfnisse vermieden wird, kann unser Gegenüber zum Stellvertreter für eigene, vielleicht unbewusste Bedürfnisse werden. Es handelt sich dabei auch um eine Form der Projektion, bei der wir im Gegenüber das wahrnehmen (wollen), was wir in uns selbst als bedrohlich erleben (vielleicht das Bedürfnis nach Nähe, Fürsorge, bedingungsloser Liebe). Wir sehen all das Verletzte und Unerlöste in ihm/ihr, weil wir es in uns selbst noch nicht betrachten und anzunehmen gelernt haben.

Unser Verhalten und Erleben orientiert sich im Verlauf immer mehr an dem, was wir im Gegenüber zu sehen glauben. Auch wenn wir damit vielleicht Recht haben, entgeht uns doch der Umstand, dass wir es sind, die ebenfalls berechtigte Gefühle und Bedürfnisse haben. Auch wenn das was wir im Anderen spüren oder wahrnehmen zutreffend sein mag, fehlt die klare, gesunde, bewusste Verbindung zu unserem eigenen Innenleben, der Ausdruck und die Verbalisierung unserer Wünsche.
Wir versorgen unsere eigenen unbewussten Bedürfnisse im Anderen – oft, ohne uns darüber im Klaren zu sein, dass es unsere eigenen Bedürfnisse und Wünsche sind. Gleichzeitig kann damit unbewusst die Erwartung einhergehen, dass unser Gegenüber unsere Bedürfnisse ebenfalls liest und darauf eingeht. So wie wir annehmen, es bei ihm/ihr zu tun. Dass uns der Andere ebenso versorgt, wie wir es unsererseits tun. Es entsteht ein stummer Vertrag, von dessen Existenz unser Gegenüber jedoch keine Ahnung hat.

Eine Entkopplung vom eigenen Innenleben ihren Lauf, die auf lange Sicht zu schmerzhaftem Erwachen führt. Dann, wenn wir realisieren, dass unser Gegenüber nicht der Mensch ist, für den wir ihn gehalten haben (oder halten wollten) – oder wenn er/sie diesen stummen Vertrag bricht. Dieser Punkt des Erwachens markiert zumeist auch den Anfang vom Ende einer empathisch-narzisstischen Beziehungsdynamik.

Ein absolutes Chaos bricht über uns herein, innerhalb dessen wir zumeist keine Klarheit finden.
Kehren wir an den Anfang dieses Artikels zurück, können wir vielleicht etwas Wichtiges verstehen: Dieser Moment des schmerzhaften Erwachens zeigt auf, dass wir unser Gegenüber in den oben beschriebenen Grenzen unserer eigenen Geschichte wahrgenommen haben (dies kann im Übrigen bei jedem unschönen Beziehungsende der Fall sein!).
Die Illusion stirbt. Was wir projiziert haben, haftet nicht mehr auf dem Menschen, auf den wir dieses Bild geworfen haben – und das schmerzt. Das eigene, wahre Innenleben drängt an die Oberfläche.
All das, was an eigenen Emotionen und Verletzungen umtänzelt, vermieden und zu kontrollieren versucht wurde, schießt wie heißer Wasserdampf aus einem Geysir nach oben.
Mit eben dieser Wucht kann der Schmerz einer verlorenen Illusion uns treffen.

Vielleicht war auch nicht alles eine Illusion? Unsere Wahrnehmung ist nicht falsch, sie ist begrenzt. In den daraus resultierenden Geschichten neigen wir dazu, das in unserem Gegenüber zu erfassen, was für uns Sinn macht. Wir sehen immer nur einen Teil dieses Menschen. Gerne den, der in den Rahmen unserer Vorstellungen und Ideale zu passen scheint.

Was getan werden kann: Wir können uns unsere Subjektivität bewusst machen und uns in Ehrlichkeit und einem achtsamen Umgang mit uns selbst (und Anderen) üben, unsere Gefühle nach Hause holen, den inneren Kampf beenden.
Was uns bei anderen Menschen vertraut scheint, zieht uns an. Wir öffnen uns – und das ist ein wunderschöner Moment, in dem Verbindung entstehen kann.
Essentiell für eine wirklich wahrhafte Verbindung ist die Verbindung zu uns selbst. Erst dann, wenn wir das in uns zutiefst Unerlöste aufrichtig zu betrachten und versorgen wissen, können auf Basis dieser gesunden Beziehung auch weitere gesunde Beziehungen entstehen.
Es mag vertrauter und leichter erscheinen, den Anderen zu betrachten, ihn/sie wahrzunehmen, sich um ihn/sie zu kümmern – anstatt auf dem Minenfeld unserer eigenen Emotionen unterwegs zu sein. Doch es ist auch eine Form der Selbsttäuschung.
Denn: Wir versuchen im Grunde im Anderen immer nur uns selbst zu retten.
All das, was in uns in Unruhe und Unfrieden ist.

 

7 Folgen von Fremdfeldern in zwischenmenschlichen Interaktionen

1. Dein Gegenüber wird Stück für Stück gefühlt zu einem Teil von Dir. Und ich meine das nicht im Sinne von authentisch gelebter Partnerschaft, sondern im Sinne einer symbiotischen Verstrickung. Im Sinne von unbedingt brauchen.
Steht der Andere für Deinen inneren, unerlösten, traumatischen Anteil, wirst Du Dich abhängig fühlen. Du wirst den Eindruck haben, dass eine gesunde Grenze ggü. diesem Menschen Dich selbst verletzt, sie nicht aussprechen. Dein Innenleben erscheint davon abhängig, wie gut es Deinem Gegenüber geht und wie zuverlässig Du ihn rettest.

2. Du entfernst Dich von Dir und Deinem eigenen Innenleben. Du verlässt Dich (was ebenfalls schmerzhaft und traumatisch sein kann). In Deiner Wahrnehmung, in Deinen Prioritäten. Du fühlst Dich als Teil des Anderen. Wechselst zwischen dem Gefühl von Sicherheit, Zugehörigkeit, Deinen Platz gefunden zu haben (ohne an Deine eigenen Baustellen zu gehen) und zunehmenden Verlustängsten oder Gefühlen von Verschlungenwerden (was Dich veranlassen wird, Dich ambivalent zu verhalten).

3. Alles in dieser Begegnung hat folglich etwas mit Deiner Leistung zu tun, einem Job, den Du zu erledigen hast. Sei es, dass Du anhaltend nach Lösungen oder Kompromissen suchst, sei es, dass Du immer wieder auf den Anderen zugehst oder an Dir arbeitest, um die Beziehung und Dich selbst zu optimieren. Dadurch bedienst Du auch unbewusst den Glaubenssatz „Ich bin nicht gut genug!“. In diesem Punkt geht es nicht um das aufrichtige Arbeiten an Kompromissen, wo beide Beziehungspartner gewillt, motiviert und bereit sind an sich für das Gemeinsame zu arbeiten, sondern um Selbstaufopferung, Einseitigkeit und Unausgewogenheit.

4. Weil Du in Deiner emotionalen Verschmelzung mit Deinem Gegenüber nach und nach Dein Ich-Gefühl aufgibst, spürst Du auch die Tiefe Deiner eigenen, alten Traumatisierung nicht mehr so stark. Das kann sich anfühlen, als würde Dir jemand einen zentnerschweren Rucksack abnehmen. Als würdest Du in ein neues Leben treten. Du denkst vielleicht, es sei Dein Partner? Wahrscheinlicher ist, dass Du Entlastung und Ablenkung von all dem in Dir Unerlösten erfährst, Dein neues Ich nur noch teilweise präsent ist. Dieses Entlastungsgefühl geht bei genauer Betrachtung mit Leistung, Bedürfnisverzicht und Selbstentfremdung einher (siehe Punkt 3.). Im Verlauf gerätst Du immer mehr in eine Patt-Situation: „Ich oder der Andere?“. Die illusorische Entlastung erlebst Du nur so lange, bis Deine Bedürfnisse, Werte und Wünsche sich bemerkbar machen und an die Oberfläche drängen. Und irgendwann werden sie das!

5. Mit den Mechanismen des Fremdfelderns übertrittst Du auch eine Grenze zwischen ich und Du. Und seien wir mal ehrlich – das geschieht oft ungefragt. Was Dein Gegenüber sich wünscht oder lösen möchte, bleibt ein Leben lang sein/ihr Job. Denn jede/r Mensch darf selbst entscheiden, was er/sie wann sehen und lösen, woran er/sie arbeiten möchte.
Betrittst Du als Retter eine Begegnung, in welcher Du Dich berufen fühlst, das Leid eines anderen Menschen stellvertretend für ihn lösen zu wollen, gibst Du auch unbewusst Dein „Ok“ zu Grenzüberschreitungen. In der Folge wirst Du vermutlich selbst welche erleben und Menschen anziehen, die in dieser Hinsicht unbewusst mit Dir übereinstimmen.

6. Wenn Du selbst einen anderen Menschen unbewusst brauchst, vielleicht sogar ge-brauchst, um Dich nicht nach innen wenden zu müssen, Deine Ängste, Trauer, Schmerzen nicht zu fühlen, Dich vielleicht stellvertretend in ihm/ihr zu retten – dann wird Dein Gegenüber das – bewusst oder unbewusst – spüren. Ohne die genauen Gründe benennen zu können, kann Dein Gegenüber Dir mit Unmut, dem Gefühl fehlender Wertschätzung oder Widerstand begegnen. Zudem kann es auch noch zu etwas Anderem führen.

7. Dass Du immer wieder Menschen anziehen wirst, die Dich ihrerseits (ge-)brauchen, um ihr eigenes Trauma nicht anschauen zu müssen. Menschen die mit ihrem Muster in Dein Muster einrasten (siehe Artikel zum empathisch-narzisstischen Magnetismus hierzu). Die Deine Grenzen überschreiten und in Dir das Gefühl fehlender Wertschätzung auslösen können. Es kann geschehen, Dass Du Menschen anziehen wirst, die – wie Du – nicht mit ihrer komplexen Ganzheit, ihrem Innenleben in Beziehung sind (wenn auch auf andere Art und Weise). Wodurch Du immer nur einen Bruchteil oder Fragmente Deines Gegenübers sehen wirst, mit dem Deine eigenen Bruchteile und Fragmente in Beziehung treten.

 

Schutzverhalten erkennen und verstehen – das Ende der (Selbst-)Verurteilungen

Der ursprüngliche Traumazustand mit all seinen Facetten (Ursprungsschmerz, Ängste, intensive, unangenehme Gefühle, Trance) führt dazu, dass betroffene Menschen nach Lösungen und Wegen suchen, um all das nicht mehr zu fühlen.
Sekundär können aus mit dem Trauma in Verbindung stehenden Grundüberzeugungen, weitere Gefühle wie Schuld oder Scham entstehen. Diese entspringen Fehlannahmen oder -programmierungen, wie z.B. dass man selbst Schuld an der Traumasituation war, o.ä. Dies kann wiederum damit zusammenhängen, dass eine Entlastung des Traumatisierenden notwendig erschien, weil das eigene Überleben von der Beziehung zu diesem Menschen abhing („Ich bin selbst schuld, dass ich immer verprügelt wurde, schließlich war ich ein sehr egozentrisches, anstrengendes Kind“). Sekundäre Emotionen hängen dabei wie ein Teppich über den eigentlich primären Gefühlen, die es zu fühlen und anzunehmen gälte. Es können sich ganze Schutzsysteme aufbauen, die sehr komplex, individuell und vielschichtig sind.

Jedes Schutzverhalten hält das emotionale Trauma aufrecht, weil es den Zugang zu den Ursprungsgefühlen erschwert bzw. verhindert. Auch wenn es „damals“ die bestmögliche Option und notwendig war. Schutzverhalten dient immer dem Vermeiden von unangenehmen Zuständen oder Gefühlen. Hier ist es wichtig zu unterscheiden, dass nicht jedes unangenehme Gefühl einem Schutzverhalten entspringt. Im Gegenteil ist es sehr, sehr wichtig, auf die Stimme der eigenen Intuition und des Bauchgefühls zu hören, um Abstand zu potentiell ungesunden Situationen halten zu können. Die Unterscheidung kann erschwert sein, v.a. je länger eine ungesunde Beziehungsform gelebt wurde. Einfach, weil die Stimme der Intuition kaum oder nur sehr leise gehört wird.

Vielleicht wurde anhand dieses Artikels klar, dass Schutzverhalten immer dazu dient, tiefsitzenden Schmerz nicht zu spüren. Dabei sucht jeder Mensch nach individuellen Wegen und Lösungen. Der Eine versucht vielleicht seine Umgebung und Mitmenschen durch Manipulation und Verdrehung der Tatsachen permanent zu kontrollieren, um sich in seinem Sein nie wieder so in Frage gestellt zu fühlen (siehe Artikel zum Thema narzisstische Wunde).
Wiederum ein Anderer stellt sich selbst in Frage und wählt Fürsorge für Andere oder Anpassung/Unterordnung, um die Ablehnung seiner Umwelt zu verhindern und keine Angriffsfläche zu bieten (siehe Artikel zur empathischen Wunde).
In beiden Fällen dienen die Verhaltensweisen dazu, einen alten Schmerz nicht mehr zu fühlen. In beiden Fällen bleiben die abgespeicherten Überzeugungen wirksam und werden nicht als das gesehen, was sie sind: Eine durch eine traumatische Erfahrung verzerrte Blaupause, ein Filter.

Vielleicht – und das wäre mir ein großes Anliegen – kann dieser Artikel auch dazu anregen, das Verurteilen und Zuweisen von Schuld endlich sein zu lassen.
So gesund ein anfänglicher Zorn und eine Wut auch sein mögen (weil er Distanz bringt und hilft, sich selbst und seine Bedürfnisse wieder mehr zu spüren), sie sind sekundäre Gefühle. Primär steht dahinter eine unsägliche Trauer und ein tiefsitzender Schmerz, die dem tiefen Wissen entspringen, dass man selbst und der Andere es nicht besser zu tun vermochte.
Zeit für Vergebung. Vor allem für Dich selbst. Denn in der Anschuldigung zu bleiben, bedeutet auch, die Wahrnehmung weiterhin auf dem Anderen zu lassen, den eigenen Mechanismus nicht zu durchbrechen. Fremdfeldern auf negative Art und Weise. Auch hier wird eine tiefere Auseinandersetzung mit all dem, was wirklich dahinter steht, vermieden. Der Kampf mit dem Menschen im Außen entspricht dem, was in uns selbst abläuft. Wir bekriegen uns selbst stellvertretend im Anderen.

 

Die Subjektivität der eigenen Geschichten und ihre Hartnäckigkeit verständnisvoll anerkennen

Ein Filter ist immer eine Einschränkung dessen, was tatsächlich ist. Unsere Wahrnehmung produziert das, was wir zu sehen, denken und fühlen gewohnt sind. Das, was uns vertraut und bekannt ist, so dass das was wir sehen, im Rahmen unserer Geschichte Sinn ergibt. Das kann uns auch veranlassen, an unseren Geschichten fest- und sie für wahr zu halten. Denn wenn etwas Sinn ergibt, erleben wir eine innere Beruhigung und scheinen Halt gefunden zu haben. Die Welt passt in einen für uns überschaubaren Rahmen. Aufgewühlte Gefühle beruhigen sich. Sie beruhigen sich nicht, weil wir Recht haben, sondern weil wir glauben, Recht zu haben (was auch immer das bedeutet).

Wenn wir daran festhalten, dass wir Recht haben, verfestigen sich auch die abgespeicherten Überzeugungen und Verhaltensmuster, das Fremdfeldern, die inneren Ängste und tatsächlich der Schmerz. Alles, was in uns ist wird konserviert, bleibt unangetastet.

Wenn wir unsere subjektiv erlebte Realität für allumfassend wahr erachten, halten wir auch unsere Überzeugungen für wahr. Das Bild von uns selbst. Die Bedrohlichkeit unserer Gefühle, die Fehlprogrammierungen. In unserem Recht haben wollen konstruieren wir immer wieder eine Replikation der Vergangenheit. Wir spielen dieselben Rollen, schreiben auf Basis unserer Erklärungsansätze unserem Gegenüber wechselweise Bedürfnisse, Wünsche, Verletzungen, Motive oder Bedrohlichkeit zu. Wir lagern aus, sind Projizierende und Reagierende anstatt frei Agierende. Hart formuliert: Sklaven der Angst vor den eigenen Gefühlen, dem eigenen Sein.

Unsere Rolle, die wir uns einst angeeignet haben, um mit unserem Ursprungstrauma, unseren Selbstzweifeln, Ängsten und den Umständen des früheren Lebens zurecht zu kommen hat uns gedient. Wir können der Rolle dankbar sein.
Gleichwohl ist jetzt nicht mehr früher. Jetzt ist jetzt.
Gleichwohl ist ein Filter ein Filter, eine Geschichte eine Geschichte.

 

In Richtung neue Wege: Mechanismen verstehen und überwinden

Es geht darum, sich bewusst zu machen, dass ein frühes Trauma, sich auf Denken, Fühlen, Verhalten, verinnerlichte Überzeugungen auswirkt.
Es geht darum, die Identifikation zu lösen – d.h. sich die Subjektivität der eigenen Wahrnehmungen und Erklärungen bewusst zu machen. Das eigene unbewusste Spiel in verständnisvoller und liebevoller Annahme zu durchschauen, zu beobachten und zu betrachten.
Wir dürfen uns immer wieder fragen, ob es wirklich wahr ist, was wir uns über das Leben, uns selbst, unsere Mitmenschen und deren Motive erzählen. Oder ob uns unsere Geschichte vielleicht bekannt vorkommt. Ob wir gerade ehrlich zu uns sind bzgl. der Blaupause, die wir gerade vielleicht anlegen.
Wir dürfen uns immer wieder fragen, ob wir unsere subjektive Geschichte mit einer allgemeingültigen Wahrheit verwechseln oder als das sehen, was sie ist: Unsere Geschichte dazu.

Wir dürfen uns fragen, wovor wir in uns davonlaufen. Was uns Angst macht. Vielleicht auch beobachten, wann wir alarmiert aus unserem eigenen Feld in das Feld eines anderen Menschen flüchten.
Wann wir den Kontakt zu uns verlieren oder gar aufgeben und falls Letzteres: Wozu?
Wir dürfen uns auch fragen, wann wir uns hilflos, verletzt, schuldig, traurig, wütend oder ängstlich fühlen und dieses Gefühl dann ebenfalls mit Verständnis liebevoll annehmen.

Wir dürfen uns die Entstehungsgeschichte unseres Erlebens bewusst machen und – verstehen. Jeder Mensch wünscht sich Verständnis! Dieses Verständnis kann von Außen nicht landen, so lange im Innen kein Verständnis da ist.
Wir dürfen anfangen, unsere Ausnahmezustände intern zu regulieren, uns selbst die Sicherheit in uns zu geben, dass wir mit allem einen Umgang finden können, was in uns entsteht oder schon sehr lange da ist.
Wir dürfen auch lernen, unsere Trigger als Hilfe zu verstehen – dass sie uns vielleicht aufzeigen, wann eine für uns ungesunde Konstellation vorherrscht, wann wir Gefahr laufen, in alte Muster zu fallen. Und dann eine bewusste Entscheidung für uns und unser Wohlergehen zu treffen.

Wir dürfen um Hilfe bitten auf diesem Weg, so wir ihn denn einschlagen wollen – ganz klar und deutlich unsere Bedürfnisse formulieren lernen – zu uns stehen – mit allem, was ist.
Wir dürfen uns fragen, was uns wichtig ist im Leben, welche Werte wir zum Ausdruck bringen und leben möchten, was wir uns wünschen.
Wir dürfen unterscheiden lernen zwischen der Flucht vor alten Gefühlen und der Stimme unserer Intuition, die lauter werden wird, umso mehr wir ihr zuhören. Die klarer und deutlicher wird, wenn wir ein klares Bekenntnis zu uns selbst formulieren und damit beginnen, unsere Gefühle zu uns zurückzuholen. Wir dürfen beginnen, uns langsam und zart zu öffnen, weil wir dann wissen, dass wir gesunde Grenzen fühlen und einhalten, dass wir zwischen Ich und Du zu unterscheiden vermögen und darum wissen, dass wir immer bei uns sind und sein dürfen.

 

Noch einmal: Wir alle wünschen uns letztendlich nur, glücklich zu sein. Die Auswirkungen, Muster und Mechanismen einer durch Trauma bedingten Fehlprogrammierung zu erkennen, kann ein erster Schritt in die verständnisvolle Selbstaufrichtigkeit und in neue, gesunde, selbstbestimmte Wege sein. Auf dass dieser Artikel Dir dabei helfen möge!
Du bist der Anfang!

Alles Liebe,
Deine Kristina

 

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Die Geschichte von B.B.

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Liebe Kristina,
der Artikel kam gerade, als ich mich wieder im “was ist der andere doch böse”-Stadium befand. Allerdings sehe ich auch dieses immer wieder aufflammende Gefühl mittlerweile als notwendigen Abgrenz-Methode an. Ich kann von der Logik her jedes deiner Worte verstehen und nachvollziehen, aber manchmal habe ich zumindestens einfach das Bedürfnis mich der “ich bin so ein guter Mensch – der andere ist so böse, kaltblütig und gemein” Weltsicht hinzugeben …. !
Grüße nach KTM, Namaste 😉

Antworten
    Kristina Peters
    11. Oktober 2019 5:19

    Hallo liebe Carolyn, wir sind eben alle Menschen ;-). Das Verhalten ist ja auch zutiefst verletzend und verwirrend – daher ist es nur allzu verständlich, wenn man in Bezug auf diesen Aspekt auch eine Wut entwickelt. Wie Du schreibst – es dient zur Abgrenzung. Dann ist da ja Bewusstsein dafür da, woher und weshalb das Gefühl aufkommt. Es ist sogar heilsam, es zu fühlen – und dann vielleicht irgendwann die Botschaft zu verstehen und eine Entscheidung zu treffen, was wir mit dem Gefühl anfangen. Wie wir uns dann verhalten. Und inwiefern wir die Aspekten des Gegenübers auch KOMPLETT zu sehen vermögen. Denn oft wechselt man zwischen Nähe (ich sehe nur das arme, verletzte Kind im Anderen) und Distanz (ich sehe auch, welchem Verhalten ich mich aussetze). Da die Mitte zu finden, eine ganzheitliche Wahrnehmung anzustreben, finde ich sehr wichtig. Das Schuld-Ding ist auf lange Sicht halt auch eine Art, um weiter in Verbindung zu bleiben (erst klage ich den anderen an, dann tut es mir wieder leid, weil ich seine Verletzungen und Grenzen sehe). D.h. man führt die Beziehung energetisch fort, ohne dass sich etwas ändert. Gleichwohl: Es darf in unserem Erleben ALLES sein. Auch zwei Vögel streiten sich mal ums Futter. Wut, Ärger und Neid sind natürlich. Wenn jeder was hat, ist es dann aber auch wieder gut. Es gibt keinen Jahre dauernden “Vogel-Streit”. 😉
    Alles Liebe zu Dir und viel Klarheit, Kraft und Heilung – und Danke für die lieben Grüße! Zurück! <3 Kristina

    Antworten

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