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Indische Impfung – Delhi: Erste Eindrücke

Indische Impfung – Delhi: Erste Eindrücke

Alles fing so schön an. Nach sechs Monaten ein Wiedersehen mit G., der erste gemeinsame Kaffee auf dem indischen Flughafen war stark und machte mich wach. Lief doch alles super! Oder nicht?

Indien ist eine Reise wert, so sagt man. Nach meinem ersten Tag in Delhi habe ich durch einige Erlebnisse so viel gelernt, dass ich über meine Erfahrungen berichten muss. Ich möchte Dir einen möglichst konkreten Eindruck vermitteln. Auch deshalb, weil ich Dir ein Gefühl für das Chaos, die Liebenswürdigkeit, aber auch das mitunter strategische Verhalten und Taktieren geben möchte, so dass Du Anzeichen frühzeitig erkennen und Dich dadurch besser schützen kannst. In einer “Essential-Liste” habe ich Dir die wichtigsten Punkte für die eigene Sicherheit und den Umgang mit Scammern zusammengefasst. Falls Du selbst vorhast, Delhi zu bereisen, werden diese Hinweise Dir sicher helfen!

 

Problem Bargeld

Die Abhebung von Geld mit meiner MasterCard scheitert an insgesamt vier verschiedenen ATM´s (Abbruch des Buchungsprozesses, „invalid card“ etc.) trotz mehrfachen Versuchs. Das führt zur Sperung der Kreditkarte „aus Sicherheitsgründen“ führt, wie meine Bank mir per SMS mitteilt. Zur Klärung steht es mir offen eine Nummer der Hotline anzurufen. Nur wie, ohne SIM-Karte (siehe unten)? Aufgrund der nicht funktionsfähigen ATM´s nutze ich die eigentlich gesperrte MasterCard zu Abhebung und Umtausch Thomas Cook. Das klappt auch, wenngleich meine Gebühr hier höher ausfällt. Aber ohne Rupien geht es eben auch nicht. Ein Problem weniger.

 

Problem SIM-Karte

Eine kostenlose SIM-Karte (BLSN) bekommt eigentlich jeder Tourist mit einem Visum. Es gibt dazu einen kleinen Infoschalter am Flughafen (nach Verlassen der Gepäckabholung, Flyer erhält man beim E-Visa-Schalter). Nur hat der Laden eben an Feiertagen nicht geöffnet. Auch Samstag/Sonntag ist in Indien ein Feiertag. Seltsamerweise steht die beleuchtete SIM-Karten-Bude offen. Ohne kostenlose SIM-Karte wird es schon komplizierter. In einem Antragsverfahren muss ein etwas kompliziertes Formular ausgefüllt werden und man benötigt eine indische Kontaktperson (kann auch der Empfangschef im Hotel sein). Nach Ausfüllen des Antrags dauert es ca. 4-5 Stunden, bis die SIM dann aktiviert und ggf. aufgeladen werden kann (mit einem Code).

 

Transfer zum Hotel

Gefühlt 1000 Menschen haben nur auf Deine Ankunft gewartet und möchten Dich jetzt unbedingt zu Deiner Unterkunft bringen. So sehr, dass sie auch bereit sind, dafür zu lügen.
Wir hatten uns klar für die Metro entschieden. Direkt am Ausgang Nummer 14 befindet sich rechter Hand ein gut beschilderter Weg Richtung Metro. Auf dem Weg dorthin, spricht uns direkt ein Mann an, die Metro fahre nicht („not working“, „no chance“) und ob wir anstatt dessen ein Taxi nehmen wollen. Wir sind irritiert, glauben ihm aber erstmal nicht und fahren damit im doppelten Sinne gut: Für nur 60 Rupien gelangen wir sicher und komfortabel vom Indira Gandhi Airport zur New Delhi Railway Station. Die Metro ist wirklich sauber, modern und ich habe mich keine Sekunde unsicher gefühlt.

 

Prinzip Chaos

Mit Verlassen der Metro Station betreten wir eine andere Welt. Autos, Rikshas und Tuk-Tuks fahren chaotisch durcheinander, ein einziges Hupkonzert. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist die New Delhi Railway Station, durch die wir laut Karte laufen müssen, um nach Paharganj in unseren Bezirk zum Hotel Hari Piorko zu gelangen. Angeblich gerade mal 8 Minuten Fußmarsch. Eigentlich machbar? Dachte ich auch. Was wir sehen ist nicht mit einer geordneten Verkehrsführung zu vergleichen. Der Blick bleibt immer wieder an Ablenkungen hängen. Überhaupt einen Überblick zu bekommen, gestaltet sich schwer. Wir sehen ein Schild Richtung Bahnhof und starten den Gang über die Straße. Dabei versuchen wir, nicht von Tuk-Tuks überfahren oder von Menschen überrannt zu werden.

Die Straßen sind nur teilweise asphaltiert. In den Querstraßen schwimmen Blasen in den braunen Pfützen, die sich zwischen Schlamm, Kot und anderem Unrat gebildet haben. Der gesunde Menschenverstand meldet sich: „Kann das sein, dass wir da lang müssen?“ – ja, es kann! Alles erscheint so fremd und unwirklich. Der Bezugsrahmen in dem mein Gehirn und meine Intuition normalerweise gut zusammenarbeiten ist „verrückt“. Ich fühle mich verunsichert und der Basis meiner Entscheidungsgrundlage beraubt. Dennoch laufen wirr einfach gemäß Plan weiter, als uns ein junger Mann anspricht und fragt, wohin wir wollen. Antworten oder nicht? Ich wiegele erst ab, aber er bleibt uns an den Hacken. Ich äußere irgendwann vage, dass wir durch den Bahnhof zum Main Bazaar müssen. Der erste Fehler.

Auf Abwegen

Wir sollen die Treppen innen im Bahnhof nehmen (nicht außen), was wir dann auch tun (vermutlich der zweite Fehler). Dort hält uns ein Mann auf. Wiederum die Frage, wohin wir gehen. Dieser Zugang sei nicht benutzbar. Die Polizei habe die Straßen abgesperrt. Er klingt besorgt und erklärt uns, es sei ein muslimisches Fest und es gebe auch Proteste, die sich gefährlich entwickelt hätten. Als Tourist komme man mit einer speziellen (kostenlosen) Permission an einer anderen Stelle in den Stadtbezirk. Er malt uns eine Karte, zeichnet einen Punkt ein. Wir müssten den Absperrungsbereich umfahren und uns einem offiziellen Reisebüro mit unserem Visum kostenlos eine Permission holen und diese dann vorzeigen.

Während er mit uns spricht fallen mir die überall auf dem Boden liegenden Menschen auf, teilweise auf Decken und Laken. Manchmal mit Früchten oder Spielsachen um sich, vereinzelt nur in ihren dreckigen und zerlumpten Kleidern. Auf der Fensterbank direkt vor mir liegen – vermutlich – auch zwei Menschen unter einer grauen Decke. Einer – durch das Gespräch wahrscheinlich geweckt – beginnt sich unter der Decke zu bewegen.

Unsicherheit – Öl im Feuer der Touristenmafia

Offenbar alternativlos lassen wir uns verunsichert von dem Mann zu einem Tuk-Tuk bringen. In besorgtem Ton ermahnt er uns. nur die „staatlichen“ Tuk-Tuks zu benutzen. Er handelt einen „fairen Preis“ raus und der Fahrer soll uns nun zu diesem „Reisebüro“ bringen. Wir wundern uns, weshalb wir so weit aus dem Zentrum herausfahren, aber es passt zur Geschichte des Mannes. Das „Reisebüro“ ist einer sehr zwielichtigen Seitenstraße und wir gelangen über eine Treppe hinunter in einen kleinen Vorraum, in dem gedrängt 5 Männer sitzen und reden. Wir grüßen und werden dann nach hinten geleitet, wo ein Schreibtisch und zwei Stühle stehen. Der Mann fragt nach unseren Problemen. Als wir nach der Permission für unseren Bezirk fragen, zeigt er uns auf seinem Monitor eine Webseite (sehr professionell aussehend!), die beschreibt, dass in Delhi momentan aufgrund von Ausschreitungen und Protesten 3000-4000 Hotelbuchungen storniert werden mussten.

Der Mann erläutert uns anhand von drei Beispielen, dass sie dringen Unterkünfte finden mussten. Er äußert, dass wir gerne die Permission haben können, ermpfiehlt aber, zuvor in unserem Hotel anzurufen und nachzufragen, wie die Lage ist. Er wählt eine Nummer, sagt kurz was auf indisch und gibt mir den Hörer. Ich stelle mich vor und schildere meine Anfrage. Der Mann am anderen Ende äußert, dass es ihm leid tut, das Hotel aber leider geschlossen werden musste und dass ein Bezug des Zimmers auch die nächsten 3-4 Tage aufgrund der Gefahrenlage nicht möglich sei. Es tue ihm leidtut. Er würde uns empfehlen, Delhi so schnell wie möglich zu verlassen. Das war´s. Was nun?

 

Das psycholgische Spiel mit Angst und Druck

In diesem Zeitfenster der Ungewissheit bietet der Mann uns Optionen an. Wir sind müde, verzweifelt und hilflos. Ein guter Zeitpunkt, um unterstüzende Angebote zu machen, Was unsere Pläne gewesen seien? Mehr oder weniger geistesgegenwärtig teilen wir ihm diese stichpunktartig mit. Wir sind noch immer geschockt. Im Verlauf des Gesprächs äußert der Mann immer wieder, dass einige unserer Ideen von der Umsetzung her schwierig seien (z.B. Zugtickets zu bekommen). Wir erhalten Angebote für andere Optionen, z.B. einen Bus zu buchen. Langsam aber sicher verändert sich der Charakter dieses Gesprächs. Der anfängliche Grund für unseren Besuch existiert nicht mehr. Und es ist auch nicht gewünscht, dass wir darüber nachdenken. In mir sträubt sich alles dagegen, jetzt hier eine Entscheidung zu treffen – aus dieser Situation heraus.

Doch das Spiel geht weiter – immer enger zeichnet der Mann den Kreis aus Unsicherheit und Alternativlosigkeit. Wir spielen mit dem Gedanken gleich nach Agra zu fahren. Dort haben wir ein Zimmer gebucht Allerdings erst für morgen. Der Mann checkt die Züge und zeigt uns dann am Monitor, dass alle Züge belegt sind. Wir denken über Alternativen des Transports nach, während der Mann vorschlägt, das Hotel Moustache in Agra anzurufen, um zu klären, ob wir ggf. schon heute dort anreisen könnten.

Moment des Erwachens

Wieder reicht er mir den Hörer. Der Mann am anderen Ende fragt nach meiner Buchungsnummer und sagt dann entschuldigend, er wisse nicht, ob er die Buchung für morgen zusagen könne, weil eine Reisegruppe spontan den Aufenthalt verlängert habe und daher das Zimmer nun wahrscheinlich länger belegen werde. Ich stutze und denke „das kann nicht sein!“. Wir könnten auch nicht früher anreisen, sie seien ausgebucht. In diesem Moment schickt uns der Himmel, das Universum oder auch alle guten Götter zusammen ein Zeichen. Das Hupen eines Autos. Das ich zuerst auf meinem freien linken Ohr höre und dann etwas zeitversetzt durch den Hörer. Exakt dasselbe Hupen. Mein Verstand schaltet sofort: Ich spreche mit jemandem, der direkt draußen auf der Straße steht!

Innerhalb von Sekunden werde ich klar im Kopf – und wütend. Gleichzeitig bekomme ich Angst, ob wir hier ungeschoren rauskommen werden. Mein Verstand versucht das alles zu verarbeiten und zu kalkulieren, was nun zu tun ist, um so schnell wie möglich wieder rauszukommen.
Der Typ ist glücklicherweise gerade weg, so dass ich G. kurz flüsternd infomieren kann. Ich muss mich innerlich wirklich zusammenreißen. All die Müdigkeit und Erschöpfung sitzt mir ja neben der Wut auch noch in den Knochen. Wir sagen dem Mann, dass wir erstmal besprechen müssen, was wir jetzt machen und einige Zeit für uns brauchen. Wir müssen schon sehr deutlich werden, weil er uns erzählt, es gebe hier keine Geschäfte oder Cafés, wo G. doch vorhin selbst welche gesehen hat. Wir packen unsere Rucksäcke und sagen einfach, dass wir später zurückkommen, bleiben freundlich, um keine unnötigen Scherereien zu provozieren, aber werden bestimmmter. Und zurück kommen wir natürlich nicht.

Runde 2

Nach einem kurzen Aufatmen biegen wir um zwei Ecken und versuchen, uns zu beraten. Unklar ist uns nach wie vor nicht, ob wir „nur“ mit den Anrufen irregeführt wurden oder ob die ganze Geschichte gelogen war. Leider habe ich auch keine Möglichkeit, das selbst zu prüfen (siehe SIM-Karte). Stehenzubleiben ist auch keine gute Idee. Wir werden direkt wieder von einem jungen Mann angesprochen werden. Er sei Student und wir sollen hier in der Gegend auf jeden Fall aufpassen. Es gebe hier Leute, die „schlechte Menschen“ seien und Touristen „scammen“. Das seien hier alles gar keine echten Reisebüros. Es gebe eigentlich nur eines in Delhi, das unabhängig und offiziell als solches gelte. Und wieder hat man uns am Haken! Mit Verständnis und der Aussicht auf Klärung in einer nach wie vor unklaren Situation und bei völliger Überforderung sind wir nach wie vor leichte Beute. Wir wünschen uns eigentlich nur, dass wir dort vielleicht den gewünschten Anruf in unserem Hotel tätigen können. Der Student spricht den Fahrer eines Tuk-Tuks an und sagt auf Englisch „only 20 Rupies, those are my sisters!“. Es gelingt ihm so zumindest kurzfristig, Vertrauen zu schaffen.

Der Fahrer hält vor einem weiteren Reisebüro, das zwar etwas größer, dem ersten aber sonst ziemlich ähnlich ist. Unsere Skepsis hält uns nicht davon ab, den Raum zu betreten..Wir äußern direkt, dass wir gerne nur einen Anruf tätigen möchten, auch bereit sind, dafür zu bezahlen. Der Mann nickt und stellt sich dann erst einmal mit Vornamen vor. Er fragt, was passiert sei und dann erzählen wir eben. Er äußert Mitgefühl (sehr kurz). Er wolle uns helfen, diese Angelegenheit zu klären, ob unser Hotel tatsächlich nicht geöffnet sei. Das Festival finde zwar statt, aber es sei unklar, inwieweit das unsere Planung beeinflusse. Entgegen unseres Wunsches wird der Anruf von einem anderen Mann getätigt. Er sitzt weiter weg und spricht erst leise in den Hörer, dann lauter als es um die Reservierung geht (dass wir ihn auch hören). Wieder bekomme ich dann den Hörer und der vermeintliche Bedienstete des Hotels äußert, dass es kein Problem sei, unsere Reservierung sei völlig in Ordnung. Eigentlich sollte ich erleichtert sein, aber wir sitzen ja immer noch in einem Reisebüro und irgendwas stimmt auch hier nicht. Der Mann fragt zwar vorsichtig, aber deutlich interessiert nach unseren Plänen und beginnt wie bereits bekannt mit dem Unterbreiten von Alternativvorschlägen. Wir sind total genervt und wollen nur noch weg. Erläutern, dass wir nun unsere Ruhe wollen und uns daher zurückziehen möchten, mit der Option vielleicht zurückzukommen (never!). Vor dem Reisebüro werden wir wiederum in eine bestimmte Richtung geschickt, obwohl G. das Starbucks selbst gesehen hat. Das sei der kürzere Weg. Und wahrscheinlich der beste, um uns wieder abzufangen.

Was in Delhi wirklich los ist – Hilfreiche Informationen und wirkliche Hilfe

Wir laufen alleine zum Starbucks. Mittlerweile ist es 11 Uhr und wir können kaum fassen, dass wir all das jetzt in dieser kurzen Zeit erlebt haben. Das Starbucks ist fast leer. Ich bestelle und frage die Frau am Tresen direkt, ob ich einen Anruf tätigen kann. Ich möchte selbst die Nummer des Hotels wählen und endlich Klarheit. Sie aber schüttelt nur den Kopf. Neben mir bestellt sich ein junger Mann einen Kaffee. Er bekommt meine Frage mit und äußert kurz, dass der einfachste Weg wahrscheinlich der Kauf einer SIM-Karte wäre, die ich hier gleich um die Ecke bekommen könnte. Ich bedanke mich und nehme Platz. Er setzt sich in einigem Abstand zu uns und trinkt eher reserviert wirkend seinen Kaffee. Eine SIM-Karte ist in dieser Situation gleichzeitig das Wiedererlangen von Autonomie. Ich war selten so verwirrt und verunsichert, was den Wahrheitsgehalt von Informationen angeht und möchte mich selber informieren können.

Nach einiger Zeit spreche ich den jungen Mann neben mir an. Ob er mir sagen kann, wo der Shop für die SIM-Karten ist. Er erläutert es mir und zeigt es mir auf seinem Handy anhand Google-Maps. Ich möchte das jetzt als nächstes in Angriff nehmen. Als G. von der Toilette zurückkommt ist sie berechtigterweise auch misstrauisch, als „Jan“ anbietet, mich zu begleiten und mir dabei zu helfen. Er scheint aber nichts zu erwarten, wirkt eher passiv, hilfsbereit und sehr verärgert, dass wir das Erlebte in Indien erleben mussten. Wir laufen los, während G. im Starbucks auf unsere Sachen aufpasst. Im „Airtel“-Laden muss ich ein kompliziertes Formular ausfüllen. und erhalte schließlich die SIM-Karte. Jan erklärt, wie ich sie in ca. 4-5 Std. aktivieren kann, legt sogar Geld für mich aus, weil ich nicht genügend mitgenommen habe. Auf dem Rückweg unterhalten wir uns.

Jan erzählt von einer Touristenmafia und wie sie vorgehen. Er impft uns ein, uns nicht ansprechen zu lassen, gar nicht hinzuhören. Es gebe ein Netz von Leuten, die Touristen so abzuzocken versuchten. Er rät, sich am besten selbst zu informieren – auch über Zugverbindungen und genaue Kosten. Dann könnten andere einem keine falschen Informationen geben. Klingt logisch.

Auch bzgl. der Zugreisen bestätigt sich nochmal, was ich bereits nachgelesen hatte: „Die meisten Inder planen ihre Zugreisen Monate vorher. Eine Buchung sollte man mindestens 1-2 Wochen vorher machen“. Auch mit einem Online-Zugang bei der Indischen Zuggesellschaft sei es schwierig, weil internationale Kreditkarten nicht akzeptiert würden. Das öffne auch „Abzockern“ Tür und Tor.

Wir erfahren viel von ihm, auch dass die Aussage mit dem Festival Quatsch ist und unser Hotel fußläufig 25 Min. entfernt ist. Dann stellt er noch sein Handy zur Verfügung und wir können den Kontrollanruf machen: das Zimmer ist nach wie vor auf uns gebucht – es gibt keine Komplikationen. Alles eine komplette Lüge. Jan empfiehlt uns aber ein offizielles Taxi, damit wir nicht wieder Gefahr laufen, angesprochen zu werden. Er gibt uns dazu noch einen Tipp bzgl. eines „Transportation Offices“, das scheinbar nur berät, ggf. reservieren kann, aber nichts verkaufen will. Er beschreibt, dass es eine Einrichtung der Regierung sei, daher auch nichts an uns verdient werde. G. ist misstrauisch und möchte einfach nur zum Hotel. Wir merken, dass das gepflanzte Misstrauen so tief sitzt, dass wir selbst jetzt nicht zu 100% darauf vertrauen, dass Jan uns ggü. ehrlich ist oder nicht ggf. Absichten verfolgt. Eigentlich verheerend – denn natürlich merkt er das und er hat uns sehr geholfen, verabschiedet sich dann, in seinem Stolz verletzt. Mir tut das sehr leid. Wir machen uns auf den Weg.

 

Sicherer Hafen…

Wenn uns jemand anspricht werden wir wegsehen, weglaufen. Wir passieren eine lange, zweispurige Straße. Ein stechender Uringeruch schlägt uns entgegen. Pfützen säumen den schlammigen Gehsteig und wir sehen von Ferne, wie ein Mann gegen die Mauer pinkelt. Bettelnde Kinder werden aus der Ferne mit Fingerzeig auf uns von den Erwachsenen instruiert, bei uns zu betteln. Wir wechseln die Straßenseite. Gut fühle ich mich damit nicht. Die Haut ist ganz schön dünn mittlerweile. Immer wieder laufen uns Männer hinterher, sprechen uns an, wir ignorieren, laufen Slalom, biegen ab, weichen aus.

Als wir auf den Main Bazaar einbiegen, verdichtet sich das Chaos noch einmal massiv. Offene, dicht neben- und aufeinandergebaute Hütten, Verkaufsstände, Buden, fahrende Händler bieten alle möglichen Waren an. Der Tunnelblick rettet einen halbwegs, aber irgendwie denke ich mir gerade „Bequatschen kann mich heute niemand mehr!“ und eben das scheint mich stärker zu machen. Mein Gang wird aufrechter, mein Blick wieder weiter.

Wir erreichen das Hotel, von einem Festival weit und breit nichts zu sehen. Noch immer sind wir total fertig und im Schockzustand. Als wir das Zimmer bezogen haben, können wir kaum fassen, dass wir in dieser kurzen Zeit bis jetzt (13 Uhr) so viel erlebt haben. Es fühlt sich an wie ein halber Monat Indien. Aber nun sind wir erst einmal in einem sicheren Hafen angekommen.

Nach einer Dusche und einem extrem leckeren Dhal Bhat im Hotelrestaurant sieht es wieder freundlicher aus. Trotzdem ist klar: Indien ist uns auf Dauer zu krass. Wir wollen den Aufenthalt hier abkürzen und schneller nach Nepal. Nach einigem Hin und Her entscheiden wir uns letztlich, unseren Trip nach Dharamsala abzublasen. Es stehen zu viele ungeklärte Dinge im Raum. Diese Unsicherheiten machen uns zu leichter Beute. Wir brauchen einen Plan und müssen recherchieren. Meine SIM-Karte ist nun freigeschalten und ein Mitarbeiter des Hotels (Dinesh) hilft mir bei der letzlichen Aktivierung (mündlich am Telefon, Mitarbeiter spricht kein englisch). Mit der SIM-Karte bin ich wieder handlungsfähig. Weil ich in der Informationsgewinnung nicht mehr von Menschen abhängig bin, von denen ich nicht weiß, ob ich ihnen vertrauen kann.

 

Und so ist Delhi eben auch….

Dinesh hört sich auch unsere Geschichte an und gibt uns – ohne etwas an uns verdienen zu wollen – zahlreiche Informationen, Tipps und Ideen mit auf den Weg. Er arbeitet als Touristberater im Hotel, will aber nicht in erster Linie etwas verkaufen, sondern für die Leute da sein. Das merkt man! Wie schon zuvor Jan rät uns auch Dinesh, einen Plan zu machen. Wir entscheiden uns für Jaipur, dann Agra und dann Gorakhpur Richtung nepalesische Grenze – raus aus Indien.

Dinesh recherchiert für uns eine Zugverbindung von Delhi nach Gorakhpur. Alle anderen Verbindungen scheinen schon ausgebucht zu sein, weshalb wir hier alternative Lösungen brauchen. Um das Ticket im Zug fest zu buchen, müssen wir zu der 5 Gehminuten entfernten New Delhi Railway Station und dort im 1. Stock dem Schild zum „I.T.B.“ zum „International Tourist Bureau“ folgen. Dinesh ermahnt uns:„Hört niemandem zu, lasst euch nicht ablenken! Wenn euch jemand am Eingang sagt, ihr dürft hier nicht durch – geht einfach weiter – die haben euch gar nichts zu sagen! Die werden versuchen, euch von dort wegzulotsen!“. Und genau so ist es dann auch.

 

Auf dem Weg zum I.T.B.

Auf dem Weg Ein vermeintlicher Wachmann ruft uns mehrfach nach „Stop! Stop! Stop! You are not allowed to go here! You have to turn around the other way!“ und zeigt dann mit einem Finger um das Gebäude herum (wo bestimmt einer seiner Kumpels wartet). Wir halten an, reden miteinander und gehen dann weiter. Ich frage mich, wie man das schaffen soll, sich gegen so etwas zu wehren, wenn man davon keine Ahnung hat.

Eben darum schreibe ich diesen Bericht so ausführlich für Dich! Dass Du Dich innerlich wappnen kannst.

Uns gelingt es schließlich im ersten Stock das Büro zu finden. Im normalen Leben wäre ich niemals davon ausgegangen, dass sich in diesem heruntergekommenen, alten Flur ein seriöses Büro befinden kann. Aber seit heute schließe ich nichts mehr aus. Im Gegensatz zu allen anderen Einrichtungen, die wir bis jetzt gesehen haben, ist dieses Büro mit der Indian Railway Catering and Tourism Corporation Limited (auch die Tickets sind limitiert ;-)) verknüpft und es gibt einen Automaten, an dem man sich eine Nummer ziehen muss. Die Bearbeiter wirken ruhig, bedacht und seriös. Wir ziehen hier eine Marke und warten eine Stunde. Dann werden wir aufgerufen und bekommen innerhalb von 5 Minuten unser Ticket ausgestellt.

Und so sieht ein "echtes", gültiges Zugticket aus ;-)

Und so sieht ein “echtes”, gültiges Zugticket aus 😉

 

Wende Dich in jedem Fall an diese Adresse (I.T.B., Adresse: 1. Stock, New Delhi Train Station, Delhi, India, Kontakt: 011-23405156), wenn Du eine Zugverbindung buchen möchtest und lasse Dich nicht auf irgendwelche seltsamen Angebote ein. Ignoriere “Hallos” und “where are you going?” auf der Straße!

 

Zurechtkommen in Delhi…

Denn um in Delhi bei sich zu bleiben und zu seinem Recht zu kommen, muss man die eigenen bis dahin gültigen Regeln des „guten Umgangs“ brechen. Denn genau mit diesen Regeln spielen die Scammer. Der Grat zwischen Freundlichkeit, Bestimmtheit und Ignoranz ist nirgends schmaler las hier. Ständig fragen uns Leute, nach was wir suchen, wollen uns etwas andrehen oder sagen nur „Hallo“. Ich spüre z.B. eine natürliche Abneigung, wenn ich jemanden, der mir freundlich begegnet, ablehnen soll. Das wird knallhart ausgenutzt. Ständige Wachsamkeit und Achtsamkeit machen den Umgang hier so extrem anstrengend.

Ausklang…

Wir haben doch etwas geschafft heute. Auch wenn über allem immer noch ein Hauch von Misstrauen liegt, haben wir auch ein paar sehr schöne Begegnungen gehabt.
Abends möchte ich den Rest meiner Handlungsfähigkeit durch Entsperrung meiner Kreditkarte wieder herstellen. Schließlich müssen wir noch einen Fahrer für die morgige Reise nach Jaipur buchen. Bei der Bank (Hotline 24 Std.) erreiche ich niemanden, verfeuere aber mein Guthaben. Also gehe ich nochmal „kurz“ in Flip-Flops auf den Main Bazaar vor dem Hotel und stürze mich ins Getümmel. Während mich nach einem Laden zum Aufladen von Guthaben durchfrage, bemerke ich, wie ich irgendwie nicht mehr ganz so sensibel auf alles reagiere, mich irgendwie angepasst habe und einfach „mein Ding“ zu machen versuche. Zielorientiert – ich möchte Gutaben aufladen.

Bei einem „Oppo“-Shop lade ich am Verkaufsfenster mein Guthaben mit 500 Rupien auf, während neben mir eine Kuh munter auf die Straße pinkelt. Das Freischalten der Kreditkarte klappt am nächsten Morgen, erst dann buchen wir einen Fahrer. Eigentlich wollten wir über das indische Portal www.makemytrip.com eines der guten Angebote buchen, aber die Annahme der Bezahlung über eine internationale Kreditkarte wurde leider verweigert. Später erfahren wir, dass das bei indischen Internetanbietern oft unerwünscht ist, weil es bei dieser Zahlungsweise zu höheren Steuern kommt.

 

Fazit: Delhi geht an die Nerven, aber zwingt Dich auch, klarer zu werden…

Heute habe ich vieles gelernt. Und wieder einmal mehr merke ich, wie viel das Reisen in eine fremde Kultur einem abverlangen kann – und wie sehr man dadurch auch über sich selbst hinauswachsen kann. Ich meine, dass es großteils meiner gegen Ende des Tages veränderten Haltung zu verdanken war, dass mich niemand mehr angequatscht hat. Erstaunlich….vielleicht ist eben das der Trick: in einem Land, in dem ständig alles in Bewegung ist eben nicht stehenzubleiben. In keinerlei Hinsicht. Innere Klarheit und ein Ziel zu haben. Sonst fällt man auf und aus der Rolle. Das wird als Schwäche gesehen und als Unsicherheit identifiziert und man wird angesprochen – wenn man sich einlässt, ist man aufgrund der eigenen ethischen und moralischen Werte und „Regeln“ leichte Beute für die Scammer.

Ich hoffe, dass Dir mein erster Reisebericht gefallen/geholfen hat.

Über eine Rückmeldung oder Kommentar freue ich mich!

Auf Facebook und Instagram findest Du zudem weitere Bilder und Eindrücke zu meiner Indien-/Nepal-Reise 2017.

Hier findest Du den zweiten Teil meines Reiseblogs Indien/Nepal 2017.

Ich freue mich, Dich auch im zweiten Teil zwischen den Zeilen begrüßen zu dürfen ;-).

Namaste, Kristina!

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Jaipur
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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Jutta Trumpfhelelr
21. November 2017 19:28

Hallo Kristina, ich bin einfach nur erschlagen… Nee, das ist nichts für die Jutta! Ja klar, es hilft im Leben mit dir selbst wieder ein Stückchen weiter, aber im Augenblick (oder überhaupt) muss ich diese Erfahrung nicht haben. Ich bewundere euch trotz alledem. Welch ein Glück, dass ich ein Nest in der Humbi habe! Ganz liebe Grüße euch beiden. Passt weiter gut auf euch auf. Kann man nach solch einem Tag überhaupt schlafen frage ich mich gerade.

Antworten
    Kristina Peters
    22. November 2017 6:12

    Hallo liebe Jutta, dankeschön für Deinen Kommentar! Gute Frage mit dem schlafen…gut ging’s nicht ;). Zumindest nicht viel. All die ganzen Reize…momentan sind wir in Agra und durften jetzt auch andere Erfahrungen machen…:) Zum Glück! 😉 Ganz liebe Grüße in die Humbi und auf bald! <3

    Antworten

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